Helmut Lachenmann : Glücksucher

Immer wieder warnt er vor den Trugschlüssen unseres Einschaltquotendenkens – dass Neue Musik keiner hören wolle, ja dass sie das Publikum vergraule. Der Komponist Helmut Lachenmann bei den Mosse-Lectures.

von

Helmut Lachenmann unterscheidet zwischen zwei Formen des Glücks: Zwischen dem, in der warmen Badewanne zu liegen, und dem des Bergsteigers, der an einen Ort gelangt, wo er noch nie war. Letzteres, das Glück des Abenteuers, wird einer breiteren Öffentlichkeit auf diese Weise versagt.

Allerdings wird das Wichtigste leider nicht immer im effektivsten Rahmen gesagt. Erwartungsgemäß wohnt dem Gespräch zwischen Christina Weiss und Helmut Lachenmann über „Kunst als Abenteuer“ im Rahmen der Mosse-Lectures ein Publikum bei, dem dieses Abenteuer ohnehin am Herzen liegt. Fragen wie „Ist Kunst ein notwendiger Bestandteil der Demokratie?“ werden so schnell rhetorisch.

Der Komponist geht in geradezu sokratischer Manier durch die verschiedenen Parameter: Demokratie verlangt, dass wir mündige Bürger sind, uns in unseren Wertevorstellugen also nicht dem Diktat der Masse unterwerfen. Diese Mündigkeit ist Voraussetzung für die Fähigkeit, musikalische Abenteuer einzugehen. Mit dem Hinweis, dass man in der Politik nicht a priori von mündigen Bürgern ausgehen dürfe, legt die ehemalige Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, den Finger eilig in die Wunde: Nicht das Geld sei das Problem. Wer den Unterschied zwischen Kunst und Konsumprodukt nicht kenne, verstehe auch nicht, warum es wichtiger ist, ein Opernhaus zu fördern als ein Musicaltheater.

Warum versammeln sich Menschen überhaupt in Konzertsälen? Um der kollektiven Ergriffenheit willen. Erfährt diese Magie im Raum eine Brechung, wie an allen Wendepunkten der Musikgeschichte, betritt der Hörer Neuland und erhält die Chance auf ein Glücksgefühl der zweiten Art. „Wenn der Geist die Magie beherrscht, entsteht Begeisterung!“, ruft Helmut Lachenmann. Und freut sich über Proteste, diese oder jene Komposition sei „doch keine Musik“: Sie beweisen, dass die Brechung stattgefunden hat und der Hörer etwas über das Eingeübte und Gewohnte hinaus wahrnimmt.

Für derlei Botschaften allerdings würde man sich in Zukunft eine Plattform größerer Tragweite wünschen, vor allem eine, die auch die Entscheidungsträger involviert, Politiker, Intendanten, Veranstalter. Denn nur so würde auch die Magie des kollektiven Einverständnisses (wie an diesem Abend) eine Brechung erfahren, und die Dinge in ihrer Evolution weiterbewegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben