Helmut Newton : Blickpunkte des Begehrens

Dreigestirn: Die Newton Stiftung vergleicht die Modefotografie von Helmut Newton, Frank Horvat und Szymon Brodziak.

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Badenixe. 1965 fotografierte Frank Horvat für „Harper’s Bazaar“ in Djerba.
Badenixe. 1965 fotografierte Frank Horvat für „Harper’s Bazaar“ in Djerba.Foto: Frank Horvat

Die Zahl drei fand Helmut Newton immer passend. Es gibt Bilder aus seiner Hand, auf denen er einen Akt fotografiert, während June Newton im Hintergrund steht und beide wie ein Voyeur mit ihrer Kleinbildkamera aufnimmt. Auch bei den intimen Porträts, die er seit den Siebzigern von prominenten Paaren macht, darf man nicht vergessen, dass er als Dritter hinter dem Sucher stand. Nun findet sich Newton mit zwei Fotokünstlern vereint, also wieder zu dritt. Der Fotograf hatte sich gewünscht, sein Werk in den Kontext von Kollegen zu stellen, damit es eingeordnet werden kann. Geschehen ist das zuletzt mit Ralph Gibson und Larry Clark 2007, drei Jahre nach Newtons Unfalltod. Nun macht sich die Newton Stiftung erneut an einen Vergleich und stellt ihm mit Frank Horvat und Szymon Brodziak zwei Fotografen an die Seite, die ästhetisch näher liegen als etwa Clark mit seinen Nahaufnahmen heroinsüchtiger Freunde.

Allerdings war auch Horvat erst in anderer Mission unterwegs, bevor er sich Ende der Fünfziger der Modefotografie zuwandte. Erfüllt mit allem, was er als Reporter zuvor in Indien oder Ägypten und ab 1959 in drei kurzen Jahren als Mitglied der legendären Agentur Magnum gesehen hatte. Seine Aufnahmen sind hintergründig und voller Leben. Seine bekannteste Aufnahme von 1974 zeigt ein Paar Pumps aus unmittelbarer Nähe. Fast erreichen sie die Größe des Eiffelturms, der sich zwischen ihnen und damit im Schritt ihrer Schuhträgerin erhebt. Horvat ist nicht der Erste, der den Witz dieses Sujets für sich nutzt. Sein Extra aber ist der kleine Mann zwischen Absatz und Sohle des Damenschuhs: Es wirkt, als könne ihn das Model jederzeit zertreten.

Horvat, Jahrgang 1928, erzählt wie Newton Geschichten. Und auch der fördert Wundersames zutage, wenn er auf seinen raren Farbbildern 1983 David Bowie im Bademantel auf dem Bett ablichtet und dazu die Schublade seines Nachttisches aufzieht. Der Fotograf hat sich selbst ohne Skrupel bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Das Credo seiner Arbeit lautete: „Das perfekte Modefoto sieht nicht aus wie ein Modefoto. Mehr wie ein Filmstill, ein Porträt oder die Aufnahme eines Paparazzi.“ Viele seiner Arbeiten leben von diesem Widerspruch.

Bei Brodziak glänzt das Autoblech mit der makellosen Haut der Models um die Wette

Zum Vergleich bieten sich nun in der fast 300 Abzüge umfassenden Ausstellung die schwarz-weißen Fotografien von Szymon Brodziak an. Der gebürtige Pole ist der Jüngste im Trio. Brodziaks Aufnahmen überlassen nichts dem Zufall. Selbst auf dem Schrottplatz glänzt das Autoblech mit der makellosen Haut der Models um die Wette. Die Bildergeschichten bedienen konventionelle Fantasien mit nackten Frauen an Waffen oder schweren Maschinen, von weicher Haut und vollkommenen Brüsten. Es ist Brodziaks erste institutionelle Schau. Auch wenn er in der Modewelt zu den herausragenden Talenten gehört, wünscht man ihm einen Zugang zu jener anderen Ästhetik eines Horvat oder Newton. Brodziak bekennt sich zum Einfluss Newtons. Dessen erotische Anspielungen und starke Frauen gelten noch. Ein Vergleich der langbeinigen Models aber zeigt, wie wenig Newton von Retuschen hielt – und wie weit sich die aktuelle Akt-Fotografie aus der Realität verabschiedet hat.

Auch Newton wusste, wann das perfekte Image und Kaschierungen gefragt waren. Trotzdem entdeckt man vor allem auf seinen Porträts Prominenter Flecke auf der Haut, Unebenheiten, dralle Waden und sogar Cellulitis. Sogar im Auftritt der vier Nackten seiner monumentalen Serie „Sie kommen“ (1981) die im Treppenaufgang der Stiftung hängen, schält sich durch die plakative Nacktheit ein Kontrast: Die Frauen sind nicht bloß individuell. Sie verkörpern auch die Achtziger mit allen ästhetischen Merkmalen. Und dazu gehört nun mal das Schamhaar.

Wie weit Newtons Akte vom aktuellen Ideal entfernt sind, macht die flankierende Ausstellung in der Galerie Kicken deutlich mit Aufnahmen aus dem Archiv des US-Magazins „Playboy“, für das der Fotograf über Jahrzehnte tätig war. Galeristin Annette Kicken stellt einige „Big Nudes“ dazu. Sie hat ihre Schau „Fräulein“ überschrieben, denn Newton kombinierte „altmodische Höflichkeit mit leichter Ironie“. Er arbeitete mit Models wie mit selbst gecasteten Frauen, wenn ihn ihre Sinnlichkeit ansprach. Die Settings sind meist simpel: Manchmal genügt dem Fotografen eine Treppe, um sein Modell zum Star zu machen. Dagegen wirken Brodziaks arrangierte Szenarien bemüht. Andererseits ist Newton aus der Zeit gefallen. Junge Besucherinnen staunen über die Behaarung, die heute radikal wegrasiert würde. Solche Frauen hatten mal Saison? Waren Blickpunkt des Begehrens mit ihren Rundungen und Dellen, die sich dort abzeichnen, wo der Akt an einer Bar lehnt?

So blickt man in den Spiegel einer Sozialisation, die mehr retuschiert als zulässt. Wenn Newton, der große Akt- und Modefotograf, diese Zeichen von Authentizität und letztlich Erwachsensein zuließ, dann lohnt es durchaus, den Zustand des Körpers, seinen Auftritt in der Gegenwart und Öffentlichkeit, zu prüfen. In der Ausstellung der Galerie Kicken ebenso wie im Vergleich der drei künstlerischen Positionen von Newton, Horvat und Brodziak.

Newton Stiftung, Jebensstraße 2, bis 15. November, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr / Galerie Kicken, Linienstraße 161A, bis 28.  August, Di–Fr 14–18 Uhr

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