Kultur : Helmut Newton: Herrenschokolade

Herlinde Koelbl

Ich finde es erstaunlich, dass Newton mit achtzig Jahren noch immer so aktiv ist. Das hat damit zu tun, dass er nicht rostet. Die Kreativität hält ihn jung. Das gelingt nur, wenn der Geist nicht in Rente geht, sondern immer neue Kapriolen schlagen kann. Zu dieser Frische kann man ihm nur gratulieren. Das hat natürlich auch mit seinem bewegten Leben zu tun. Bei meiner Arbeit an den "Jüdischen Porträts" habe ich festgestellt, dass Menschen, die immer wieder neu beginnen mussten, auch im Alter noch sehr vital sind. Die Trägheit des normalen Lebens hat bei ihnen nie eingesetzt.

Meine eigene Arbeit wurde durch Newton nicht beeinflusst. Mein Frauenbild ist anders. Seine Aktfotografie hat eher die Herren der Schöpfung animiert. Das Besondere ist seine Radikalität. Sein Stil wurde oft kopiert, aber nie erreicht. Man erkennt immer sofort den Ursprung. Heute ist Newton eine Art Grandseigneur der Frauenaktfotografie, was mich ein wenig an Bitterschokolade erinnert, die früher auch Herrenschokolade hieß. Bei seinen Porträts gelingt es ihm besonders dann, "personality" zu zeigen, wenn er den Menschen die Kleidung lässt. Das sind die spannenderen Bilder, weil die Fantasie sich mehr mit den Personen beschäftigen kann.

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