Helmut Newton Stiftung : Die nackte Seele

Die Helmut-Newton-Stiftung arrangiert ihre Mode- und Starfotos neu. Es sind Dokumente eines unersättlichen Ästheten.

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Foto: Helmut Newton Estate

Es muss etwas passiert sein, seit Helmut Newton 1981 die „Big Nudes“ ablichtete. Und jene frontalen, drahtigen Akte in Springerstiefeln, die die großen Nackten aktuell in der Berliner Newton-Stiftung kontrastieren. In den frühen Körperporträts wirkt der Blick des Fotografen ungebrochen: Seine Frauen tragen Pumps, rasieren sich das Schamhaar und bedienen in erster Linie den Blick des Voyeurs, der aus krasser Untersicht aufschaut. Eine kokette Fantasie des Devoten, dem die monumentalen Akte mit ausweichenden Blicken antworten. Aus den ein Jahrzehnt später entstandenen Bildern blicken die Modelle dagegen direkt in die Kamera. Fixieren ihr Gegenüber subtil aggressiv. Der erotische Kampf entspinnt sich im Kräftemessen, die Verhältnisse sind ungeklärt.

Newton war ein Fotograf, der die Leute vor der Kamera immerzu und in jeder Hinsicht nackt machen wollte. Manche Seelen liegen offen wie auf dem Tablett. Seine Frau June, die zur Eröffnung der Ausstellung „Permanent Loan Selection“ anreiste, ist perfekte Chronistin, wenn sie erzählt, wie ihre eigenen Aktbilder entstanden. Etwa zu Hause, am Tisch. „Mach die Bluse auf“, habe ihr Mann unvermittelt gesagt. So entstanden jene intimen, berührenden Porträts, die man aus ihrer langen Ehe bis zu Newtons Tod 2004 kennt.

Mehr als 200 Bilder wurden neu gehängt

Es gibt jedoch auch eine andere Seite der Exhibition. „Permanent Loan Selection“, die sich aus Newtons der Stiftung 2003 übereigneten Originalfotografien speist, zeigt sie im zweiten Teil der großen Schau. Sie versammelt die Gesichter von Sigourney Weaver, Yves Saint Laurent, Jeanne Moreau, Paloma Picasso und jener Celebrities, die immer wieder Newtons Nähe suchten – sei es für Bildstrecken in Glamour-Magazinen oder mit privaten Aufträgen, die der Starfotograf annahm, weil ihn die Charaktere interessierten. So steht man nun mit Kurator Matthias Harder vor einem Doppelbildnis von David Lynch und Isabella Rossellini, das 1983 entstand. Der Regisseur und die Schaupielerin, ein perfektes wie professionelles Paar, das seine Nähe vor der Kamera vieldeutig inszeniert. Und Newton, sagt Harder, spielte mit, ließ Isabella Rossellini fast ätherisch wirken, während Lynch in körnigem Dunkel steht und eine Hand schützend, besitzend, prüfend an ihren fragilen Hals legt.

Mehr als 200 Bilder wurden neu gehängt. Sie geben Raum, um Thesen wie diese zu überprüfen. Tatsächlich wandert man eine Ära ab, die sich fast 30 Jahre später als eine wunderbare Projektionsfläche entpuppt. Die Porträts, Newtons Akte, die Modeshootings aus der französischen oder deutschen „Vogue“ – deren Modelle auf einer Kahnfahrt die üppigsten von allen sind und damit auch Newtons Sicht auf sein Herkunftsland spiegeln – kommen aus der Vergangenheit. Dazu passt, was Harder über die späteren Akte aus den 90er Jahren erzählt: Newton habe auf seinen Reisen durch Deutschland RAF-Fahndungsplakate in Lebensgröße gesehen. Die rotzig kampfbereiten Gesichter hätten ihn nicht losgelassen, die Posen der Terroristen Eingang in diese schwarz-weißen Fotografien gefunden.

So vermittelt die Ausstellung auch, wie schnell Newton in der visuellen Umsetzung dessen war, was um ihn herum geschah. Wie ein Seismograf hat er die Atmosphäre seiner Zeit eingefangen. Die Ausstellung wirft diese Bilder zurück, als Dokumente eines unersättlichen Ästheten. Zeitlos sind sie nicht. Vielmehr begreift man im Blick durch seinen Sucher vor allem die achtziger Jahre und ihre timelines in die Gegenwart ein bisschen besser. Wie die Frauen inszeniert sind, rauchend oder mit Prothesen, wie Newton seine männlichen Modelle in ihrer Bedürftigkeit entblößt und Obsessionen bebildert, das ist schon große Kunst. Er selbst hat die Motive ausgewählt, die an die Stiftung gehen sollten, hat das jeweilige Format der Vintages und Late Prints bestimmt und damit festgelegt, was ihm als Fotograf in welcher Größe perfekt erschien. Auch diese Orchestrierung ist ein fesselndes Vermächtnis.

Bis 17. Mai, Helmut-Newton-Stiftung, Jebensstraße 2, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr

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