Ein Geschöpf, das im Zuviel zu Hause ist

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Helmuth Plessner Preis an Peter Sloterdijk : Das Tier, dem etwas fehlt
Peter Sloterdijk
Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk.
Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk.Foto: Henning Kaiser/dpa

Für lange Zeit liegt das Konzept „Erbsünde“ über allen alteuropäischen Debatten, die conditio humana betreffend. Die christliche Sprache hat die Zügel fest in der Hand, wenn es gilt, zu sagen, was mit dem Menschen nicht stimmt. Von Augustinus bis Luther und Calvin folgt die alteuropäische Anthropo-Pathologie durch zahllose Variationen hindurch dem gleichen Schema. Der Mensch, unheilbar korrupt, kann sich durch keine irdische Kur sanieren; seine eigene Anstrengung ist ein notwendiges Mittel zum Heil, aber kein zureichendes. Er muss durch einen Wunderarzt von oben gerettet werden. Dessen Therapie heißt Erwählung zur Mitgliedschaft in der Schar der Erlösbaren. Die Kirche ist die Vorhalle zur Gemeinschaft der Heiligen; ob jemand bis zur Haupthalle vordringt, bleibt ungewiss.

Als schließlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die umfangreichen Sprachspiele auftauchten, die wir bis heute der neuen Gruppe der „Anthropologie“ zurechnen, blickt das alteuropäische Gespräch über den Menschen auf eine mehr als zweitausendjährige Tradition anthropo-pathologischer Aussagen zurück. Herder, neben Kant einer der Gründerväter der neuen Disziplin, kann sich in seinen Überlegungen zum Ursprung der Sprache und zur Universalgeschichte der Menschheit auf ein Archiv von Äußerungen stützen, die die Krankenakte des homo sapiens bilden.

Das Kompensations-Argument bildet den roten Faden, der über die Epochen hinweg Protagoras mit Herder, Freud und Gehlen verbindet. Sie alle reden als Anthropo-Pathologen, die im Menschen an erster Stelle das Merkmal der biologischen Schwäche erkennen. Daraufhin entwickeln sie die Annahme, wonach die ursprüngliche Wehrlosigkeit sich in eine bedenkliche Kraft zum Gegenangriff verwandelt. Hierdurch wird den traditionellen Leiden des Menschen an seiner Ohnmacht ein Unbehagen an den Folgen seiner Übermacht hinzugefügt.

Eine neue Transzendenz, deren Dimension die Weite ist

Nun nähern wir uns dem kritischen Augenblick, in dem sich der Sinn der Plessner’schen Zäsur innerhalb der Reden vom Menschen im Allgemeinen verdeutlichen lässt. Mit seiner Wendung von der „exzentrischen Positionalität“ des Menschenwesens scheint er fürs erste zwar an den Sprachspielen anzuknüpfen, die den Menschen kennzeichnen als das Wesen, dem etwas fehlt. Gleichwohl macht es die produktive Ambivalenz des Exzentrik-Begriffs aus, dass er offenlässt, ob er von einer „Kreatur“ spricht, die vom Mangel gezeichnet ist, oder ob er nicht vielmehr von einem Wesen redet, das Mühe hat, mit einem in ihm selbst angelegten Überschuss zurechtzukommen.

Ich würde so weit gehen zu behaupten, nach Feuerbach habe Plessner den zweiten Schritt zur Re-Interpretation der Transzendenz getan. Während Feuerbach mit einigem Pathos zeigen wollte, wie der bisherige Mensch das Summum seines eigenen Wesens an den Himmel projizierte, um sich danach vor den fixierten Resultaten seiner Projektionen zu verbeugen, begnügt sich Plessner mit dem Nachweis, wie der Mensch sein überschüssiges Potential gewissermaßen neben sich in die Ebene projiziert. Er entdeckt, gleichsam beiläufig, eine zweite Transzendenz, deren Dimension die Weite ist. Sie wird durch den Ambitus der Selbstreflexion bestimmt; in ihr kann der Mensch aus näherem oder größerem Abstand auf sich zurückkommen.

In diesem Sinn wäre zu sagen, die philosophische Anthropologie Plessner’schen Stils sei eine Theorie der Horizontaltranszendenz. Als Wesen in exzentrischer Position wird der Mensch sich selbst zum Problem, weil er nicht wie die Christus-Kugel gerade auf sein Ziel zurollen kann, sondern wie die torkelnde Kusanus-Kugel sich in Seitenbewegungen verliert. Solche Möglichkeiten lateraler Evasionen und ihrer Korrekturen sind gemeint, wenn gesagt wird, der Mensch „lebt“ nicht einfach dahin, er muss sein Leben „führen“. Er ist nicht notwendigerweise „nach oben“ orientiert, wie man in metaphysischen Kontexten sagen würde, er transzendiert in die Weite der naheliegenden und fernliegenden Zonen auf seiner eigenen Ebene. Lapidar gesprochen; Sterben (noch oben) ist gut, lernen (in der Ebene) ist besser.

Plessners Werk ist eine einzige Meditation über die Selbstfragwürdigkeit, die der Mensch im Stress des Dasein-Sollens entdeckt. Seine Aufgabe ist es, den Riss im Kreis mit Mitteln zu heilen, die in der Vorläufigkeit zu finden sind.

Der Mensch als Wesen, das unter Formatspannung steht

Es schiene mir unpassend, wollte ich hier die Stellung meiner Arbeiten zu denen der klassischen Werke der philosophischen Anthropologie ausführlicher erläutern. Wer sich mit meinen Schriften befasst hat, namentlich mit der „Sphären“-Trilogie, wird wissen, dass ich darauf verzichtet habe, vom „Menschen“ in direkter Rede zu sprechen – die Zeit solcher pathetischen Kollektiv-Singulare scheint mir vorüber zu sein. Die Helden meiner Geschichte sind die Räume – nicht Räume im Sinne der geometrischen Lehrbücher, der Kataster und der politischen Geografie, sondern die Räume, die durch die Einwohnung von Menschen in ihnen aufgehen. Sie werden von ihren Einwohnern geformt und formen ihre Einwohner. Wenn meine Arbeit in der Geschichte der philosophischen Anthropologie einen Paragrafen verdient, der das Werk der genannten Autoren, soweit man sie als „Vorgänger“ ansehen kann, weiterschreibt, so vielleicht, weil mein Thema „Raum und Mensch“ tatsächlich diesem Typus von Theoriebildung angehört, so nahe wie möglich, so entfernt wie nötig.

Das „Sphärenwerk“ bildet kein neues Kapitel in der Tradition der alteuropäischen Anthropo-Pathologie. In ihm erscheint der Mensch nirgendwo als Mängelwesen. Es ist ein Wesen, das unter Formatspannung steht. Während die klassische Rede vom Menschen ihn als ein Wesen portraitiert, das zu wenig hat und dazu verurteilt ist, den Mangel zu kompensieren, erscheint er in meinen Beschreibungen als ein Geschöpf, das im Zuviel zu Hause ist - und oft nicht weiß, wohin es seinen Überschuss abgeben soll.

Um dies am naheliegendsten Beispiel zu erläutern: An diesem Abend weiß ich nicht recht, wohin mit meinem Dank. Ich halte mich naturgemäß zunächst an die naheliegenden Adressen: die Helmuth Plessner Gesellschaft und die Stadt Wiesbaden, aber seien Sie versichert, meine Damen und Herren, der Dank zieht einen weiteren, vermutlich exzentrischen Kreis.

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