• Hendrix, Cash, Jackson & Co: Warum sich mit toten Musikern das bessere Geschäft machen lässt

Hendrix, Cash, Jackson & Co : Warum sich mit toten Musikern das bessere Geschäft machen lässt

Hendrix, Cash, Jackson: Die Gunst des Publikums scheint sich umso stärker den Toten zuzuwenden, je flüchtiger und fragmentierter sich die Gegenwart der Popmusik präsentiert.

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Unter lebenden Toten. Der „König des Pop“ im Video zu seinem Hit „Thriller“ von 1984. Foto: UllsteinSIPA

Am 25. Juni 2009 starb der Rockveteran Sky Saxon an Herz- und Nierenversagen, wurde die Folksängerin Alicia Delgado in Lima ermordet, erlag der Countrysänger Allen Kemp einem Krebsleiden, erhängte sich die belgische Songwriterin Yasmine und wurde der erst 16-jährige Gitarrist Timoti Anderson-Brown bei einem Autounfall getötet. Von Sky Saxon abgesehen, der als Gründer der Sixties-Band The Seeds einen gewissen Kultstatus innehatte, waren die Verstorbenen nicht berühmt genug, um mit der knappen Ressource öffentliche Aufmerksamkeit bedacht zu werden.

Als Michael Jackson an jenem 25. Juni nach einem fatalen Medikamentencocktail ums Leben kam, wurden sämtliche Medien von einem beispiellosen Fakten- und Gerüchte-Tsunami geflutet. Wochenlang blockierten Nachrufe, Würdigungen, Spekulationen und die Berichterstattung über die Trauerfeier des bekanntesten Popstars der Welt Titelseiten und Nachrichtenkanäle.

Zugleich setzte ein unfassbarer Ansturm auf das musikalische Erbe ein. In der ersten Woche nach Jacksons Tod stiegen die Verkaufszahlen seiner Platten gegenüber der „normalen“ Vorwoche um das vierzigfache, in der Folge verdreifachten sie sich nochmals. Bis zum Ende des Jahres wurden von Klassikern wie „Thriller“ oder „Bad“ weltweit über 30 Millionen Stück verkauft, mehr als in irgendeinem Jahr seiner schon zu Lebzeiten märchenhaften Karriere. Erstaunlicherweise waren dazu nicht mal hastig auf den Markt geworfene Best-of-Sampler nötig.

Wer darin jedoch Rücksichtnahme gegenüber dem Vermächtnis des in seiner Veröffentlichungspolitik äußerst zögerlichen Musikers vermutete, wird jetzt eines Besseren belehrt. Vergangene Woche wurden Details des Vertrags zwischen Jacksons Plattenfirma Sony und seinen Erben bekannt, der in den nächsten sieben Jahren zehn neue Alben mit einem realistischen Gewinn von 250 Millionen Dollar vorsieht. In bemerkenswerter Offenheit benannte der Anwalt von Michael Jacksons Erben die Gründe für den Mega-Deal: „Wir glauben, dass es wachsende sowie noch unerschlossene Märkte gibt für Michaels Musik.“

Der Vorgang überrascht wenig, schließlich ist die in ihrer Tragweite erst zu erahnende Post-Mortem-Vermarktung von Michael Jackson – man kann davon ausgehen, dass von Computerspielen über Filme oder Musicals bis zu Comics und Spielfiguren alles kommen wird, was Gewinn verspricht – nur der Höhepunkt einer gängigen Praxis. Ob Buddy Holly, der erste tragisch früh verstorbene Held des Pop, Jim Morrison, Janis Joplin, Elvis Presley, John Lennon, Kurt Cobain oder die Rapper 2Pac und The Notorious B.I.G.: Wann immer einer der Großen abberufen wurde, setzte ein bisweilen über Jahrzehnte anhaltender Marketingmechanismus ein, dessen zynischer Kern sich mit „Death sells“ treffend umschreiben lässt. Der Tod verkauft sich bestens.

In den aktuellen deutschen Albumcharts etwa ist Michael Jackson keineswegs der einzige Wiedergänger aus dem Reich der Toten. Seit 15 Wochen belegt der 1998 verstorbene Falco einen Platz in den Top 50 mit „The Spirit Never Dies“ einer Sammlung von zuvor unbekannten und vom Künstler nie zur Veröffentlichung vorgesehenen Liedern. Sie waren nach einem Wasserschaden im Archiv seiner ehemaligen Produzenten entdeckt worden.

Auf weniger obskure Weise sind die zehn Songs von Johnny Cashs „neuem“ Album „Ain’t no Grave“ zu uns gekommen. Hier war tatsächlich eine Publikation der schon ergreifend jenseitigen Balladen geplant, die Cash kurz vor seinem Tod 2003 eingesungen hatte. Dass Produzent Rick Rubin sie instrumental aufpolieren ließ, scheint verschmerzbar. Ob es die angekündigte letzte Folge der postum von vier auf sechs Alben erweiterten „American Recordings“ bleibt, sei angesichts des Erfolgs dahingestellt: „Ain’t no Grave“ stieg auf Platz drei der deutschen Verkaufshitparade ein, was Cash zu Lebzeiten nie gelungen war.

Der Impuls, unentdeckte Archivschätze eines erfolgreichen Musikers zu veröffentlichen, ist immer dann besonders stark, wenn dieser in der Blüte seiner Schaffenskraft dahingerafft wurde und sein Werk die Aura des Unvollendeten umgibt. Noch besser, wenn er in seiner kurzen Karriere ein wahres Feuerwerk an Kreativität abgebrannt hat, mit dem die Veröffentlichungspolitik seiner Plattenfirma nicht mithalten konnte.

Das Paradebeispiel ist Jimi Hendrix, von dem bis zu seinem Tod 1970 lediglich vier Alben erschienen waren – nur ein Bruchteil dessen, was danach in einem Akt musikalischer Leichenfledderei unter die Fans gebracht wurde. Und immer noch erscheint „neues Material“ von Hendrix. So werden tatsächlich die zwölf Stücke auf der Anfang März erschienenen Zusammenstellung „Valleys of Neptune“ angepriesen. Was bei genauerer Betrachtung zwar etwas geschummelt ist, aber dennoch genügend Kaufanreize bietet, um den wohl bedeutendsten aller E-Gitarristen 40 Jahre nach seinem Ableben erneut in die Charts zu hieven.

Die Gunst des Publikums scheint sich umso stärker den Toten zuzuwenden, je flüchtiger und fragmentierter sich die Gegenwart der Popmusik präsentiert. Wo, befeuert von der Echtzeit-Verfügbarkeit des Internets, buchstäblich in jeder Sekunde Sensationen entstehen und wieder vergehen, wo die Flut an Veröffentlichungen entgegen aller Krisensymptome der Musikindustrie immer unübersichtlicher wird, bietet der Tod eines berühmten Musikers einen Moment des Innehaltens und der Ordnung. Als Michael Jackson starb, verharrte ein nicht kleiner Teil der Welt für kurze Zeit in Trauer oder Verwunderung. Die Erinnerung an dieses in seiner Dimension singuläre, aber exemplarische Ereignis einer globalen Gemeinschaftsbildung festzuhalten, dürfte als Stimulanz für Millionen Plattenkäufer nicht zu unterschätzen sein.

Hinzu kommt ein weiteres Motiv. Die Beobachtung, dass physische Tonträger im Zeitalter des Downloads permanent an Bedeutung verlieren, scheint im Falle des Ablebens eines verehrten Künstlers erst recht den Wunsch auszulösen, etwas Handfestes zu erwerben. Der Ansturm auf sämtliche irgendwie mit dem „King of Pop“ verbundenen Produkte muss nicht als ersatzreligiöser Reliquienhandel überinterpretiert werden. Doch aus der sinnstiftenden Qualität von Jacksons Ableben erwuchs eine Sehnsucht nach materieller Manifestierung über den reinen Klang der Musik hinaus. Diesen Anspruch erfüllt die totgesagte CD und erst recht die gute alte Langspielplatte eben doch viel besser als der abstrakte Download, der beim nächsten technischen Systemwechsel vielleicht unrettbar verloren ist.

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