Kultur : Henryk Bereska: Ich wurde Fährmann, übertrug kostbare Fracht

Doris Liebermann

Absurde Geschichten kann er erzählen, endlos. Zum Beispiel die von Jerzy Andrzejewskis Roman "Asche und Diamant", den er Ende der 50er Jahre für den Aufbau Verlag übersetzt hatte. Der Roman durfte aber nicht in der DDR erscheinen, weil die Partei dessen politische Aussage für fragwürdig hielt. Also wurde die Übersetzung in den Westen verkauft. In Andrzej Wajdas Verfilmung erlangte der Roman Weltruhm - und hohe Auflagen in der Bundesrepublik.

Henryk Bereska aber bekam keine müde Mark. Bei den Verhandlungen zwischen Ost und West war sein Name schlicht "vergessen" worden. Als dann Parteichef Gomulka die DDR besuchte und "Asche und Diamant" in den Buchhandlungen vermisste, wurden die Rechte wieder zurückgekauft. Für teures Westgeld, versteht sich. "Solche Idiotien waren damals alltäglich", sagt der passionierte Übersetzer, der wegen des aufreibenden Kampfes gegen die Zensur kein leichtes Leben hatte. Zu viele aufmüpfige polnische Autoren gab es, die zwar dem Übersetzer, nicht aber der SED gefielen. Die großen Exilautoren Czeslaw Milosz, Witold Gombrowicz, Gustaw Herling-Grudzi¿nski, die Bereska gern übersetzt hätte, durften in der DDR nicht erscheinen. Seine Übertragungen von Borowski, Rozewicz, Brandys, Kajzar lagen jahrelang auf Eis. Dass solche Schriftsteller, die keine Lobgesänge auf die sozialistische Gesellschaft schrieben, in der DDR überhaupt bekannt wurden, ist Bereskas Verdienst.

Henryk Bereska hat sich nicht nur als Übersetzer einen Namen gemacht: Er ist selbst Lyriker und Autor. Der dritte Band einer Werkausgabe erscheint dieser Tage in der Berliner Corvinus Presse. "Östlich davon der blutende Grenzfluß/ die Oder - Völker trennend./ In der Mitte die scharf bewachte Trennlinie//", heißt es in einem Gedicht über Berlin. "Dichter, polnische, deutsche,/ zogen am Flusse entlang/ davon träumend, Fährmann zu sein -/ lange Zeit ein vergeblicher Traum.// Ich wurde Fährmann,/ übertrug kostbare Fracht -/ polnische Dichtung -/ ins Deutsche, in die Buchstabenwelt."

Henryk Bereska wurde 1926 in der Nähe von Kattowitz geboren. In seiner Familie sprach man deutsch und polnisch, er wuchs zweisprachig auf. Bis 1939 besuchte er polnische Schulen. Als Oberschlesien 1939 von den Deutschen besetzt wurde, bekam seine Familie die so genannte Volksliste 3. Das bedeutete: minderwertig vom NS-Gesichtspunkt aus, nicht für höhere Berufe geeignet. Gegen Kriegsende verlor er den Kontakt zu seiner Familie. Nach vergeblicher Suche in deutschen Städten fand er die Eltern in Polen wieder. Auch er wäre gern in Oberschlesien geblieben, wenn ihn nicht der polnische Geheimdienst hätte anwerben wollen. Über Umwege kam er nach Ost-Berlin.

Er holte sein Abitur nach, studierte Germanistik und Polonistik und arbeitete als Lektor für polnische Literatur im Aufbau Verlag. 1955 durfte er zum erstenmal wieder nach Polen fahren, um Verlagskontakte zu knüpfen. Dort hatte man inzwischen erkannt, dass Bereska als Mittler nützlich war. Die Hitler-Zeit hatte bei den jungen Deutschen eine geistige Wüste hinterlassen. Es gab keine Übersetzer, kaum jemand wusste etwas von polnischer Literatur. Bereska arbeitete an einem Mickiewicz-Lesebuch mit, redigierte Klassiker-Ausgaben, lernte den polnischen Schriftsteller Tadeusz Borowski kennen, der als Pressereferent in Ost-Berlin arbeitete, übersetzte später dessen KZ-Erzählungen. 1955 verließ Bereska den Aufbau Verlag, um frei zu arbeiten. Das kulturelle Klima in der DDR hatte sich verschärft, er mochte die permanente Gängelung nicht ertragen. Geistesverwandte fand er in Peter Huchel, Erich Arendt, Johannes Bobrowski, Manfred Bieler, mit denen er befreundet war, und in Tadeusz Rozewicz, der in absurden Dramen die Kleinkariertheit der modernen Gesellschaft geißelte. Schwarzer Humor: So etwas gab es im Theater der DDR kaum. Um so dankbarer nahm das Publikum Rozewiczs Sücke auf.

Bereska besuchte den Dichter im oberschlesischen Gliwice und übertrug den größten Teil seines Werkes. In Bereskas Übersetzung avancierten Rozewiczs Dramen zu offenen Bestsellern der DDR-Provinzbühnen - in der Hauptstadt durften sie bis in die 80er Jahre nicht gespielt werden. Noch 1965 war die Studentenbühne der Leipziger Universität nach dem Rozewicz-Stück "Die Zeugen" geschlossen, die Beteiligten vom Studium relegiert und zur Bewährung zur Armee oder in die "sozialistische Produktion" geschickt worden.

Henryk Bereska wurde für seine Verdienste mehrfach ausgezeichnet: mit den wichtigsten polnischen Literaturpreisen, mit dem Bundesverdienstkreuz, dem polnischen Kommandeurskreuz und im vergangenen Jahr mit dem Hans-Sahl-Preis des Autorenkreises der Bundesrepublik. Heute, an seinem 75. Geburtstag, richtet ihm das Polnische Kulturinstitut in Berlin "eine Tagung unter Freunden" aus.

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