Kultur : Her mit den Radieschen

Das Sommerfestival in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel befasst sich mit Gemeingütern

Katrin Ullmann
Auf der Suche. Szene aus Pina Bauschs „Kontakthof“. Foto: Zerrin Aydin-Herwech
Auf der Suche. Szene aus Pina Bauschs „Kontakthof“. Foto: Zerrin Aydin-Herwech

Einen „Schrebergarten 2.0“ nennt Barbara Kisseler das Hamburger „Gartendeck“ und Matthias von Hartz schwärmt von einem „neuen Gefühl der Teilhabe an der Nachbarschaft“. Das klingt, als würden beide selbst in den mobilen Hochbeeten mitten in Sankt Pauli wühlen: Hamburgs neue Kultursenatorin, die Anfang dieses Jahres von der Berliner Senatskanzlei nach Hamburg wechselte, und Kampnagels künstlerischer Sommerfestivalleiter, der ab 2013 die Leitung der „Spielzeit Europa“ in Berlin übernehmen wird.

Das Grünprojekt ist auf Initiative des Internationalen Sommerfestivals Kampnagel entstanden, und hier findet auch seine Eröffnung statt. Dabei kann man Schnittlauchbrote essen und Minzblätter kauen, sich in die Gruppe „Radieschen 1“ oder „Hochbeet 2“ einreihen und sich das Urban Gardening erklären lassen.

Natürlich passt das „Gartendeck“ unglaublich gut zum diesjährigen Festivalschwerpunkt „Gemeingüter – Gut für alle“. Die Sprinkenhof AG, die als stadteigenes Unternehmen nahezu den gesamten Bestand der Gewerbegrundstücke in Hamburg verwaltet und noch vor zwei Jahren die Häuser des gerade besetzten Gängeviertels wieder verschloss, hat das Gelände zur Verfügung gestellt. Statt provokativer Reibungsfläche gibt es also Kuschelgärten für alle.

Gut für alle ist auch die Eröffnungspremiere: Pina Bauschs „Kontakthof“. Die Wiederauflage der legendären Ur-Inszenierung von 1978 ist auf Kampnagel mit „Teenagern ab 14“ zu sehen. Da diese Variante der Inszenierung – eine der letzten Tanztheater-Vermächtnisse von Pina Bausch – aus dem Jahre 2008 stammt, sind die damals Jugendlichen erwachsen geworden. Ihre Bewegungen sind sicher, ihr Auftreten souverän. Trotz einer gewissen Routine verströmt dieser Abend einen Zauber. Die nüchterne Präsentation von Kontaktaufnahme und Partnerschaft, die Wiederholung, Mechanik und Ödnis dieser Abläufe, berührt durch ihre eigentümliche Mischung aus Melancholie und Monotonie. Und sie berührt durch ihre Darsteller, die trotz aller gewachsenen Professionalität Direktheit ausstrahlen.

Mit Cuqui Jerez hat Matthias von Hartz eine alte Bekannte wieder eingeladen. Die spanische Performerin gastierte hier 2008 mit „The Real Fiction“ und präsentiert nun die Uraufführung ihrer jüngsten Produktion – eine Koproduktion mit dem Sommerfestival. In „The Nowness Mystery“ stellen Jerez und ihre Performer die Frage nach der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit und beleben zu diesem Zweck die banalsten Alltagsgegenstände mit unermüdlicher Spielfantasie. Mit Präzision, Ruhe und Sorgfalt werden Küchenrolle, Ficus, Stellwand oder Zeitungspapier im Bühnenraum verteilt, werden anschließend neu konnotiert und in slapstickartige Mini-Szenen integriert. Diese schier endlosen und vermutlich überwiegend improvisierten Assoziationsketten stecken voller Heiterkeit und Überraschungen, lassen zwischendurch die ein oder andere existenzielle Frage aufblitzen und verlassen bei aller kindlichen Verspieltheit doch nie die professionelle Theaterebene. Eine unterhaltsame, kluge Reise durch Zeit und Raum, auf der Suche nach dem „Mysterium Gegenwart“.

Weitere Sommerfestivalgäste sind Jan Lauwers und die Needcompany, Anna Mendelssohn, Mariano Pensotti und Boris Charmatz, Forced Entertainment und Akram Khan Company. Vermutlich sind es diese „Stars“, die Kulturstaatsminister Bernd Naumann und den Bund dazu bewogen haben, dem Festival das Label „nationale Strahlkraft“ zu verpassen und es dieses Jahr erstmals finanziell zu fördern.

Hochwertiges, internationales Performance- und Tanztheater ist in den nächsten Tagen auf Kampnagel garantiert. Die Theorie rund um die Gemeingüter wird von so hochkarätigen Vortragsgästen wie Vandana Shiva und Elmar Altvater erklärt und mit dem Publikum diskutiert. Später im August erzählt die Hamburger Performancegruppe geheimagentur in ihrem Piraten- und Kinderabend „Parlez!“ die Geschichte der Fischer von Somalia. Und noch später, im September, wenn das Festival vorbei ist, sind die Besucher dazu eingeladen, sich wieder nach St. Pauli zu begeben, um auf dem Gartendeck ein bisschen Feldsalat auszusäen. Gewissermaßen als gelebtes, gesätes Gemeingut. Katrin Ullmann

Bis 28.8., Infos: www.kampnagel.de

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