Kultur : Her mit des Messers Schneide Rolando Villazóns neue

CD spricht viele Sprachen

Christine Lemke-Matwey

Unlängst wurde der Tenor Juan Diego Florez von der „Süddeutschen Zeitung“ gefragt, ob er gelegentlich auch im Wald singe. Nein, antwortete der peruanische Künstler, dem diese Idee offenbar komisch vorkam, das tue er nie. Würde man Rolando Villazón die Frage stellen, man erntete weit weniger polyglottes Staunen: Der Mexikaner mit Wohnsitz in Paris hat österreichische Vorfahren, besuchte in Mexiko City die deutsche Schule, liest leidenschaftlich viel und wüsste gewiss sofort, was es mit dem deutschen Wald und dem Singen darin auf sich hat.

Nach dem deutschen Repertoire streckt Villazón nun auch auf seiner dritten, bislang besten, ausgewogensten, farbenreichsten Arien-CD zart die Fühler aus („Recital“/Virgin). Flotows unverwüstlicher „Martha“ etwa („Ach so fromm“) lässt er die ganze Glut, ja Hitze seines Latino-Temperaments angedeihen, und das Gebet an die Jungfrau Maria aus „Alessandro Stradella“, ein Schmachtfetzen mit Heiligenschein, nimmt er mit dem ihm eigenen großäugig-lyrischen Ernst ganz einfach beim Wort.

Überhaupt: der Ernst! Wie ein Chamäleon, mit Haut und Haar, schlüpft Villazón von einer Rolle in die nächste. Allergrößte Ausdruckslust, unbedingtes Singenwollen – und immer her mit des Messers schärfster Schneide! Schon will man bei Offenbach um Puccini bangen, bei Verdi um Bizet, schon fürchtet man, das jeweilige Kabinettstück dürfte in seiner beißenden Existenzialität unwiderruflich das letzte gewesen sein – da erlöst einen Villazóns Verve und Vitalität schon zu neuem Hörvergnügen. Und dieser Sänger soll sich als Klassik-Clown bei Gottschalk verdingen, im Bierdunst des Münchner Oktoberfestes spontane Einlagen geben und erst durch die legendäre „Netrebko-Show“ (alias Verdis „Traviata“) bei den letzten Salzburger Festspielen das Licht der Musikwelt erblickt haben? Anders formuliert: Wie viel Tenor, welchen Villazón hätten Sie denn gern?

Gewiss, die Haltung, jede Arie müsse klingen, als sänge (und hörte!) man sie zum letzten Mal, diese Haltung birgt auch Gefahren. Sie erzeugt einen Druck, der bei eingefleischten Belcantisten wie Mascagni („Mamma, quel vino“) oder Giordano („Amor ti vieta“) sängerisch zwangsläufig in Ekstase münden muss, in lasziv angeschluchzte Vorhalte und kerngesunde, vollfleischige Crescendospitzen. Villazóns Tenor gibt all dies bedenkenlos her: mit gut gewürztem, baritonalem Timbre, in geradezu aufreizender Virilität und Biegsamkeit, kraft einer immer schmiegsamen Deklamation.

Bei Tschaikowskys Lenski hingegen (eine Partie, mit der Villazón demnächst in London debütiert) wie auch bei George Bizet münzt sich alle Dringlichkeit in Innigkeit um. Buchstäblich zum Weinen schön, mit welch verhangener Tongebung, ja mit welch traumwandlerisch-tränenerstickter voix mixte er Nadirs „Je crois entendre encore“ (aus den „Perlenfischern“) ausstattet, seraphisch leuchtende Kopfstimmentöne inklusive. Zweifellos der Karfunkelstein der CD, auch dank der kultivierten Zurückhaltung des Münchner Rundfunkorchesters unter Michel Plasson.

Bei den weniger gewichtigen Stücken indes, bei den Arien aus „Hoffmanns Erzählungen“ und Donizettis „Don Pasquale“, wirkt Villazóns Inbrunst bisweilen etwas bemüht. Statt sich dem Lauf der Musik anzuvertrauen, statt wenig zu geben, wo wenig ist, wird seine Stimme unterm Seelenbrodeln hie und da gern ein bisschen fest. Über die Nonchalance eines Nicolai Gedda, die mürbe Eleganz eines Alfredo Kraus verfügt er nicht. Aber vielleicht sind Rolando Villazón ja auch ganz andere Dinge in die Erfolgswiege gelegt. Das nächste Album bei Virgin (bevor er zu Universal wechselt) ist ausschließlich Monteverdi gewidmet. Und mittelfristig träumt er – wie einst Placido Domingo – natürlich von Wagner: vom Holländer, von Parsifal, dem reinen Tor. Der kommt nämlich geradewegs aus dem deutschen Wald und hat am Ende vor nichts mehr Angst.

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