Herbert Blomstedt dirigiert die Wiener Philharmoniker : Aus der Ruhe strömt die Kraft

Ein Höhepunkt der Brendel-Hommage im Konzerthaus: Herbert Blomstedt dirigiert die Wiener Philharmoniker, mit Kit Armstrong am Klavier.

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Herbert Blomstedt.
Herbert Blomstedt.Foto: Tobias Höhn/dpa

Schlank, hoch, aufrecht steht er da, ein Mann von bald 90 Jahren, man möchte es nicht glauben. Sein Geburtstag ist im Juli. Herbert Blomstedt hebt die Hände – und verzaubert mit seiner Aura sofort Publikum wie Orchester. Es ist eine späte Liebe: 2011 dirigierte Blomstedt die Wiener Philharmoniker zum ersten Mal, aber sie spielen unter seiner Leitung, als würden sie einander schon seit Jahrzehnten kennen. So auch jetzt im Konzerthaus im Rahmen der Hommage an Alfred Brendel, die am Sonntag endet. In sehr gemäßigtem Tempo lässt Blomstedt Beethovens drittes Klavierkonzert beginnen. Und schafft so ein Tableau für die umwerfende Klangpracht der Wiener, in den Streichern, vor allem auch im Blech, das nach der Pause noch eine prominente Rolle spielen wird.

Der junge Amerikaner Kit Armstrong ist von Brendel stark gefördert worden. Bescheiden im Auftritt, aber nicht demütig, mit markanter eigener Handschrift und kräftig im Anschlag, so steigt er ein in den eröffnenden Allegro-Satz, schaltet aber spätestens in der Nachtschatten-Atmosphäre des zweiten Satzes (Largo) auf einen träumerisch-verwehenden Gestus um. Wie er dem Orchester lauscht und dieses ihm, wie sich überhaupt an diesem Abend alle Beteiligten instinktiv aufeinander einpendeln, das geht zu Herzen.

Es liegt natürlich vor allem an Blomstedt. Mit immer wieder geschlossenen Augen und nahezu buddhistischer Ruhe und Sammlung strahlt er eine Kraft aus, die auf Orchester und Solist gleichermaßen übergeht. Man ertappt sich bei dem Gedanken: So könnte perfektes Musizieren klingen. Dass die Wiener beim Applaus dann so behäbig und bräsig auf ihren Stühlen sitzen wie Postbeamte unter Kaiser Franz Joseph kurz vor Feierabend, obwohl sie sich eben noch als Klangzauberer betätigt haben – das ist wahrscheinlich das Privileg eines Spitzenorchesters.

Das Wunderblech der Wiener

Wenn Blomstedt kommt, hat er meistens Anton Bruckner im Gepäck. Dessen 4. Symphonie kehrt an diesem Abend quasi heim, denn die Wiener Philharmoniker haben sie 1881 uraufgeführt. Oder zumindest das, was Bruckner nach mehrfachen Umarbeitungen als finale Fassung gelten ließ. Das Kunstwerk als im Prinzip offener Prozess, organisch, fragil, unabgeschlossen: Kaum einer lebte diesen modernen Gedanken so konsequent wie der ewig selbstzweifelnde, vermeintlich reaktionäre Katholik Bruckner.

Schon mit den ersten Rufen des Solohorns über dem Streichertremolo ist klar: Das Wunderblech der Wiener, diese ungetrübten, strahlend sauberen Hörner, Posaunen und Trompeten werden die zweite Konzerthälfte prägen. Eine Powerfront, die Blomstedt souverän im Zaum hält und aus der er ein goldbraunes Edelfortissimo herauszukitzeln versteht. Feldherrenhaft stemmt er sich im lautesten Tutti den Klangwogen entgegen, ein Dirigent in seinem Element, Musik als Lebenselixier, als Energiespender bis ins hohe Alter. In immer neuen Anläufen erklimmt Bruckners Musik solche Verzückungsgipfel, periodenhaft, wie ein speiender Vulkan. Dazwischen kommt sie fast zum Stillstand, scheint zu sich selbst zu finden. Blomstedt beherrscht die Kunst, die Zäsuren zwischen den Blöcken nicht als trennende Klüfte zu gestalten, sondern als verbindende Elemente, die den nächsten Ausbruch schon ahnen lassen.

Dann wieder erlebt man majestätische Sonnenaufgangsmomente wie – erneut – das Horn zu Beginn des dritten Satzes. „Die Romantische“ hat Anton Bruckner selbst seine Vierte genannt. Natur erscheint bei ihm als Majestät, die vor allem eine Funktion hat: einen noch Höheren zu preisen.

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