Herbert-Grönemeyer-Album "Dauernd jetzt" : Tut gut

Deutschlands größter, Deutschlands knödeligster: Herbert Grönemeyer stellte im Berliner Steak- und Promirestaurant "Grill Royal" sein neues Album "Dauernd jetzt" vor.

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Der Herbert, im Studio, lachend.
Der Herbert, im Studio, lachend.Foto: Ali Kepenek/Universal

Es war an dem Tag des 7:1-Triumphs der deutschen Fußballer gegen Brasilien, als sich auch Herbert Grönemeyer vor Freude nicht wieder einbekommen konnte. Grönemeyer kehrte vom Public Viewing im Garten eines Berliner Hotels nach Hause zurück und hatte dann „so ein Euphoriegefühl“, wie er das bei der Vorstellung seines neuen, am Freitag erscheinenden Albums „Dauernd Jetzt“ im Berliner Steak- und Promi-Restaurant „Grill Royal“ erzählt. „Und da habe ich einen Text geschrieben, einen mit 23 Fußballernamen, das war ein bisschen peinlich. Nach dem Finale habe ich das Stück verfasst, das jetzt auf dem Album ist. Ja, ich kann nur über das schreiben, was mich berührt, wenn ich mich über etwas freue oder ärgere, und das war so einer dieser Momente. Auch wenn wieder alle sagen, der ist ein bisschen doof, was soll der Quatsch, aber das war ja auch bei ,Bochum‘ schon so, da hieß es, das Stück hört schon in Bottrop keiner mehr.“

Herbert Grönemeyer macht einen fröhlich-aufgekratzten Eindruck, wie er sich da gegen ein kleines Stehtischchen lehnt und Fragen eines Moderators seiner Plattenfirma beantwortet. Nicht dass es aus ihm heraussprudeln würde. Aber allein zu der Frage nach dem Song „Der Löw“ bringt er eine Menge über sich und seinen Popstar-Status unter und schlägt einen Bogen von der Grönemeyer-Vergangenheit in die Grönemeyer-Gegenwart. Hier also der Song „Bochum“ aus dem gleichnamigen Album, mit dem Grönemeyer in den achtziger Jahren berühmt wurde, deutsches Popkulturgut. Und dort ein inzwischen sehr berühmter deutscher Musiker, der sich berufen fühlt, Glücksmomente in einem Song einzufangen, die das ganze Land hatte, stellvertretend bewegt gewissermaßen.

„Deutschland größter Künstler - und auch erfolgreichster“ nennt ihn dann auch Universal-Deutschland-Chef Frank Briegmann in seiner Ansprache. Und für diesen und die Premiere seines 14. Albums mietet man schon einmal einen sicher nicht billigen Laden mit allem Drum und Dran, spendiert Longdrinks oder Champagner, karamellisierten Ziegenkäse oder Blattspinat mit pochiertem Bio-Wachtelei und mehr, und feiert das im Albumtitel beschworene „Jetzt“, den glücklichen Augenblick, auf dass dieser zumindest bis Mitternacht dauere.

Ist er größer als Helene Fischer? Der deutsche Bruce Springsteen?

Der Abend erinnert aber doch eher an die goldenen Zeiten der Musikindustrie, als diese es noch wöchentlich krachen ließ und für jede halbwegs bekannte Band Feiern ausrichtete. Grönemeyer stammt aus dieser Zeit, wobei ihm die Krise der Musikindustrie seit den Nullerjahren kaum ernsthaft traf. Ob er „Deutschlands größter Künstler“ ist, darf man jedoch getrost infrage stellen, in seiner Sparte dürfte derzeit Helene Fischer größer sein. Aber die Beständigkeit zeichnet ihn aus. Da braucht es nicht einmal regelmäßig große Hits, dürfen Alben wie „Schiffsverkehr“ oder „12“ getrost dem Vergessen anheimfallen. Grönemeyer versteht es, den Generationen ab vierzig aufwärts aus Herz und Seele zu sprechen – von „unserem Bruce Springsteen“ ist im „Grill Royal“ ganz unironisch die Rede.

Überhaupt ist es erstaunlich, wie viel Sympathie, wie viel freudige Erregung Grönemeyer hier gerade von den weit über hundert Medienmenschen aus ganz Deutschland entgegenschlägt. Überall strahlende Gesichter, einfach weil es einen wie ihn gibt. Einen bodenständigen, ehrlichen, das Mittelständische an Deutschland repräsentierenden Musiker, der sich treu bleibt, bis hin zum Achtziger-Jahre-Outfit: schwarzes Jackett, schwarzes, aus der dunkelblauen Jeans hängendes Hemd, spitze braune Lederschuhe. Der Herbert halt, von nebenan, zum Anfassen, aber auch Hinaufschauen, ist ja schon ein Künstler.

Dem glaubt man auch, dass er nervös ist, da er nun erstmals seine neuen Songs einer Öffentlichkeit präsentiert: „Man ist fast noch aufgeregter als früher. So ein Abend hat eine große Bedeutung, und da ich sehr stark im Moment lebe, versuche ich das aufzusaugen, und ich hoffe, dass ich nachher beim Schlafengehen mir sagen kann: War gut!“ Natürlich versteht Grönemeyer sich genauso auf betont ironische Koketterie. Zum Beispiel wenn er auf seine „kantigen Züge“ zu sprechen kommt oder er von seiner „Einfühlsamkeit“ Frauen gegenüber spricht. Dafür ist er mediengestählt, ein Profi durch und durch. Aber er weiß bei aller Koketterie und Nervosität nur zu gut um seine Bedeutung. In seinen Liedern „durchliebt“ er sich nicht nur „zu Dir“, sucht er nicht nur einen „sicheren Platz“, „für meine Ideen, meine Kraft“, sondern er möchte zudem Themen setzen, sich politische Gedanken machen.
So gibt es auf „Dauernd jetzt“ mit „Unser Land“ eine kritische Liebeserklärung an Deutschland. „Es ist allerhand hier zu sein“, heißt es darin, „so ein schönes Land, ganz allgemein/ die wahre Tücke steckt im Detail/ Wir verlieren uns schnell im Einerlei/ Wir sind nicht verdammt hier zu sein/Dies ist unser Land, deins und meins/Es ist ein vielschichtiges Revier“. Auch eine Auseinandersetzung mit der digitalen Kultur fehlt nicht. In „Uniform“ warnt Grönemeyer davor, zu „Datensätzen der digitalen Diktatur“ zu werden: „Und wir verfetten unsere Köpfe/ Wir überzuckern unseren Geist /Weil der Speicher alles weiß“.

Darauf wird er nun viel angesprochen. Bezüglich des wiedervereinigten Deutschlands sagt er staatsmännisch: „Wir sind alt genug, 25 Jahre, also aus der Pubertät raus, und wir müssen uns diesem Land stellen, uns lieb gewinnen“. Oder er sagt, nichts gegen das Internet zu haben, nur das Preisgeben von allem und jedem im Netz empfinde er als höchst bedenklich. Und klar, in puncto Streaming-Diensten und Internetgratiskultur da hält er es mit Taylor Swift: Musik muss ihren Wert haben, wie neue Möbel, die bezahle ja auch jeder. Fragt sich, wie seine Fangemeinde „Dauernd jetzt“ aufnimmt. Im „Grill Royal“ sprechen einige vom besten Album seit „Bleibt alles anders“ von 1998.

Es war eben auch ein hartes Stück Arbeit

Hm, hm, hm. Den Spaß, die Lockerheit, die guten Gefühle, die Grönemeyer beim Komponieren und Aufnehmen hatte, wie er sagt, finden sich hier nicht wieder. Der Grundton ist ein melancholischer, düsterer. Das liegt vor allem an Grönemeyers Stimme, die einerseits wie eh und je etwas Gepresstes, Geknödeltes hat, etwas sehnsüchtig in die Weite schweifendes und dann leicht Grölendes andererseits.
Die Transparenz, das Fluffige der in den Songs viel eingesetzten Elektronik kommen gegen die dunklen Phrasierungen des Gesangs nicht wirklich an. Balladen überwiegen, ein durchaus fein ausbalancierter, mal gar flächiger, mal auch langweiliger Deutschrock, dem auch alte Grönemeyer-Freunde wie Fran Healy oder Amadou und Mariam aus Mali bei ihren Kurzeinsätzen keinen Glanz zu verleihen vermögen.
Selbst „Der Löw“ klingt nicht wie ein Glücksgefühlstück, wie pure, übersprudelnde Begeisterung, sondern bohrend, dräuend. Es war eben auch ein hartes Stück Arbeit, in Brasilien Weltmeister zu werden. Schweinsteiger und Co werden wohl weiter „Atemlos durch die Nacht“ anstimmen, wenn sie sich des schönen Sommers erinnern wollen. Grönemeyers „Der Löw“ passt besser in den November.

„Dauernd jetzt“ von Herbert Grönemeyer erscheint am Freitag bei Universal

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