Herbert Grönemeyer : Männerregen

Wackerer Kapitän auf großer Bühne: Herbert Grönemeyer singt in der nassen Waldbühne.

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Lasst euch umarmen. Herbert Grönemeyer trotzt dem Wetter.
Lasst euch umarmen. Herbert Grönemeyer trotzt dem Wetter.Foto: Matthias Balk, dpa

Im letzten „Per Anhalter durch die Galaxis“-Buch gibt es einen Charakter, der nicht weiß, dass er ein Regengott ist. Die Wolken wollen nur um seinen Kopf herumschwirren, ihn streicheln und tränken. Es regnet, wo er geht und steht, und er versteht nicht, wieso das so ist. Herbert Grönemeyer hat einen besseren Überblick: „Herrlich, bei dem Wetter hier zu spielen“, sagt er in der ausverkauften Berliner Waldbühne. „Wenn es das nächste Mal regnet, kommen wir wieder!“

Glücklicherweise muss man darauf in Berlin nicht lange warten. Überhaupt bräuchte man diese ganzen Miesmacher, diese Berlin-Hasser und -Verächter, die über die Berliner Schnauze lästern und sich darob aufregen, dass die hiesige Laune angeblich dauerschlecht sei, nur mal zu einem verregneten Grönemeyer-Gig zu schicken: Da blüht der Berliner richtig auf. Das kann ihm nüscht anhaben, er ist ja nicht aus Zucker, und die Zigtausend, die tapfer ausharrten, als die Flut kam, trugen zudem kleidsame Müllsäcke, in Regenbogenfarben schillernde Regenmäntel und bunte Schirme, so dass die Mulde vor der Bühne aussah wie ein Treffen von gut gelaunten Gummifetischisten.

HRBRT!

Denn die Laune ließ sich niemand verderben, weder Fans noch Band noch Star: Pünktlich um 20.15 Uhr sprang Grönemeyer auf die Bühne, die von den überdimensionalen Konsonanten seines Vornamens gesäumt war: HRBRT, schließlich gibt es mehrere Schriften, in denen man sich die Vokale einfach dazudenken soll (u. a. das Hebräische und verschiedene arabische Sprachen), und bei Hrbrt kommt man ja auch schnell drauf. Herbert legt los mit „Schiffsverkehr“ vom aktuellen Album, dann gleich „Sie mag Musik nur wenn sie laut ist“, dann schlittert er auf den Laufsteg, der vom sicheren, überdachten Teil der Bühne aus ins Publikum führt, zeigt seine Regenjacke und sagt: „Ich könnte ja auch eine Kapuze aufsetzen. Aber hier muss man hinhalten.“ Und lässt sich weiter komplett nass regnen, so wie alle anderen auch.

So langsam hat man sich an den monotonen Beat auf dem Regenschirm gewöhnt, es tröpfelt nur minimal schneller als der Grönemeyer-Beat, auch den gelben Schlamm auf dem Boden ignoriert man großzügig. Stattdessen kollektives Mitsingen bei „Männer“, es fühlen sich alle angesprochen, irgendwie, und es ist tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Leistung für einen Musiker, über ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Fanwelt zu verfügen: Metallica würden sich freuen, Roland Kaiser hätte bestimmt gern ein paar männliche Fans mehr. „Immer wenn es regnet / muss ich an dich denken“, Grönemeyer macht Witze über die zwischenzeitlich arg verrutschen Frisuren der meisten Besucher.

Nasse Strähnen kleben an rosigen Gesichtern

Man kann ihm, das sollte außer Frage stehen, ja ohnehin nichts wollen: Da darf das Saxofon noch so schlimm die Achtziger heraufbeschwören und sich penetrant in den Vordergrund schreien, da kann er selbst noch so heiser und unverständlich und irgendwie stimmlos vor sich hinnuscheln. Schließlich hat er nie behauptet, er täte irgendetwas anderes. Und beim zehnten Hören versteht man ja auch immer alles, dass es bei „Was soll das?“ um einen Konkurrenten geht, dass „Alkohol“ eine ganze Menge Weisheiten über das Suchtverhalten der Überflussgesellschaft beinhaltet und dass er den Krebstod seiner Frau in „Mensch“ betrauert.

Und so gibt man ihm ungefähr anderthalb Stunden, während die Kuhle vor der Bühne langsam vollläuft, weil die Engel weinen, beziehungsweise heulen: Es schifft aus Kübeln. Zuerst tapsen die Fans mit Kindern in Richtung S-Bahn, nasse Strähnen kleben an rosigen Gesichtern, dann gehen auch Paare ohne Kinder, schließlich bricht die Presse ein. Im Bewusstsein, dass Grönemeyer, gemäß des Themas seines letzten Albums, als wackerer Kapitän bis zum Ende auf der Bühne ausharren wird. Zum Schluss fragt man sich, ob er eigentlich auch Tage wie diesen kennt, an dem er aus dem Hotelsuitefenster in die Schauer schaut und denkt: Eigentlich würde ich heute viel lieber im Hotel bleiben, büschen fernsehen. Es ehrt ihn, dass er es nie macht.

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