Herbert List : Urlaub vom Krieg

"Frauen und Jungs": Das Schwulen Museum zeigt die unbekannte Seite des Fotografen Herbert List.

Lea Hampel

Als der nicht mehr ganz junge Mann sich im März 1945 auf den Rückweg von Norwegen nach Deutschland macht, wirft er Stück für Stück sein Gepäck ab. Das Gewehr, den Rucksack, lästige Teile der Uniform. Einzig seinen Koffer behält er bei sich. Er schleppt mit sich, das später zumindest offiziell in seinem Leben keine Rolle spielen würde: seine Zeichnungen.

Bekannt geworden ist Herbert List (1903–1975) für seine Fotografien. Einst als Zeitvertreib während seiner Reisen als Kaffeehändler durch Mittelamerika begonnen, wurde er für seine Fotografien, die junge Männer im Sonnenlicht zeigen, weltberühmt. Auch seine Porträts berühmter Künstler wie Picasso oder Chagall, seine Aufnahmen aus dem München der Nachkriegszeit sowie Fotoserien aus Rom sind Teil der Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Dass der bekennende Homosexuelle auch gezeichnet hat, und das in bedeutendem Umfang, war bisher kaum bekannt; obwohl List schon auf der Gelehrtenschule Johanneum, die er als Kind in Hamburg besuchte, durch seine zeichnerische Fantasie aufgefallen war.

Eine Übersicht über sein zeichnerisches Werk ist derzeit unter dem Titel „Frauen und Jungs“ im  Schwulen Museum zu sehen. Die Werke stammen aus Lists Nachlass, den der Sohn seines Ziehsohns Max Scheler verwaltet, sowie aus dem Herbert List Estate in Hamburg. Erstaunlich an den rund 100 Zeichnungen ist vor allem eines: der Fotograf, der für perfekte Bilder gut gebauter junger Männer bekannt wurde, beeindruckt hier mit Zeichnungen, in deren Mittelpunkt starke, korpulente Frauen stehen. Sie sind der Schwerpunkt der Ausstellung: matronenartige, selbstbewusste Frauen, alleine oder in vertrauten Gruppen, die eher an Rubens’ Vollweiber erinnern als an Mannequins und Aktmodelle. Sie präsentieren selbstbewusst ihre meist unbekleideten Körper. Zum Teil sind es eindeutige Milieuszenen, die List während seiner Zeit in Paris beobachtet hat. Hinzu kommen junge Männerpaare, Familien. Stets strahlen die Darstellungen Vertrautheit und Harmonie aus.

Genau dies war Lists Ziel. Mit der Darstellung einer harmonischen, zumeist weiblichen Welt versuche List eine Art humanen Gegenentwurf zur Realität der Nazidiktatur, so Anne Jung vom Schwulen Museum. Dies erscheint naheliegend. Die Zeichnungen sind zum Teil in Griechenland entstanden, wo List auf einer seiner Reisen 1939 für zwei Jahre bleiben musste, weil er nach der deutschen Kriegserklärung an Frankreich nicht in seine Exilheimat Paris zurückkehren konnte. Weitere Zeichnungen entstanden in Norwegen, wo List Verwalter eines Kartenlagers wurde, nachdem er sich 1944 nicht länger einer Einberufung durch die Wehrmacht entziehen konnte.

Den chronologisch gehängten Zeichnungen sind Fotos, die motivische Ähnlichkeit besitzen, oder Werke anderer Künstler zugeordnet, mit denen List befreundet war. So inspirierten ihn die Surrealisten, vor allem die Künstler der französischen Moderne von Picasso bis Cocteau, zu denen er im Pariser Exil Kontakt hatte. Die Zeichnungen zeigen eine erstaunliche künstlerische Entwicklung des Autodidakten List: Während er in den Anfangsjahren noch viele Striche benötigt, statisch porträtiert und unfreiwillig karikaturistisch wirkt, hat er sein Gespür gegen Kriegsende verbessert – mit wenigen Strichen charakterisiert er Personen, erzählt ganze Geschichten, verwendet verschiedene Techniken.

Und ein Drittes fördern die Zeichnungen mehr als alle Fotos zutage: Sie widerlegen die übliche Einschätzung, nach der Herbert List trotz seiner Homosexualität durch Angepasstheit, ein gutes Netzwerk und wenig Widerstand glimpflich durch die Nazizeit gekommen sei. Dass er durchaus politisch dachte, sich der Gräuel des Krieges bewusst war und diese künstlerisch reflektierte, wird an den Federzeichnungen von trauernden Frauen in Griechenland deutlich, die Einfühlungsvermögen und Empathie zeigen, wenn List das Leid in die eingefallenen Wangen und tief liegenden Augen zeichnet.

Warum die Zeichnungen bisher weder ausgestellt wurden noch in Buchform erschienen sind, bleibt unklar. List wandte sich nach dem Krieg verstärkt der journalistischen Fotografie zu. Mit Zeichnungen beschäftige er sich zwar zunehmend, aber mit denen anderer. Er sammelte Arbeiten berühmter Künstler, bemühte sich um Ausstellungen und wurde zum Experten. „Zeichnungen sind seine Passion“ ist die Überschrift über das entsprechende Kapitel in seiner Biografie. Welche Bedeutung dieser Satz besitzt, macht nun die Ausstellung „Frauen und Jungs“ klar.

Schwules Museum, Mehringdamm 61, bis 12. 10.; Mi–Mo 14–18 Uhr, Sa 14–19 Uhr.

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