Kultur : Herbstzeitlose

In der Villa Grisebach beginnt heute die Vorbesichtigung für die Auktionen

Michaela Nolte

Die beiden sitzen ganz nah beieinander und sind ins Zwiegespräch vertieft – gerade so, wie es sich idealerweise zwischen Sammler und Kunstwerk entzündet. Oskar Schlemmers in dunklen Braun- und Blautönen gehaltenes Bild „Unterhaltung“ mutet als Katalogtitel der „Ausgewählten Werke“ für die Herbstauktionen in der Berliner Villa Grisebach programmatisch an. Denn das Berliner Auktionshaus geht die Herbstsaison gelassen an. Nach der letzten spektakulären Jubiläumsauktion bieten die 97 Losnummern des Hauptkatalogs zumindest im Vorfeld keine Millionenanwärter, die es im Juni mit Werken von Nolde, Kirchner und Beckmann gleich dreifach gab.

Letzterer gehört auch dieses Mal zu den Spitzenpositionen, allerdings mit vergleichsweise moderaten 300000 bis 400000 Euro für eine „Holländische Landschaft mit Badenden“ von 1941. Nach vier Jahren im Exil erscheint der unbeschwerte Sommertag erfüllt vom Blick auf „einfach daseiendes Leben“, so der Künstler. Eine milde Naturszene, die wie eine geistige Erholung von den Umständen und der Ächtung in der Heimat wirkt. Mit der gleichen Schätzung geht Yves Tanguys unbetitelte Leinwand aus dem Jahre 1929 ins Rennen. In der Blütezeit des Surrealismus entstand eine beispielhaft Tanguysche Weltschöpfung als Universum im Schwebezustand. Das milchige Licht leuchtet im Ungefähren zwischen Tag und Nacht, und die feinen Diagonalen spinnen Beziehungen ohne Halt. An den amorphen Figuren zielen sie schnurstracks vorbei, lösen sich auf in Erde oder Luft, die einen eigentümlich sphärischen Gleichklang anstimmen.

Insgesamt verzeichnet Grisebach auch mit Werken von Camille Corot, Auguste Rodin, Paul Signac und Henri Laurens einen deutlichen Zuwachs an internationaler Strahlkraft. Eine Zeichnung von Amedeo Modigliani wird mit 80000 bis 120000 Euro aufgerufen. André Massons Gemälde „La Chambre“, das surreale Elemente mit kubistischer Raumauffassung verschmilzt, ist für 140000 bis 180000 Euro im Angebot.

Ansonsten stechen vor allem die reichen Arbeiten auf Papier hervor: Druckgrafiken von Kirchner, Nolde und Nay sowie Max Beckmanns Mappenwerk „Gesichter“ (70000–90000 Euro) und gleichauf geschätzt sein magisches „Selbstbildnis mit steifem Hut“. Stolze 150000 bis 200000 Euro werden für Otto Dix’ Zyklus „Der Krieg“ veranschlagt, der als komplette Folge dafür gleich 50 Radierungen bietet.

Aquarelle von El Lissitzky, dessen „Proun Nr. 17“ auf 45000 bis 55000 Euro taxiert ist, oder Karl Schmidt-Rottluffs „Haus an der Straßenkurve“ (180000–240000 Euro) bereichern die exquisite Papier-Offerte ebenso wie ein Pastell aus Max Liebermanns „Wannseegarten“ (30000–40000 Euro) oder Picassos Bleistiftzeichnung „Homme et Femme nus“ (90000–120000 Euro).

Auch Oskar Schlemmer malte seine mit 250000 bis 350000 Euro taxierte „Unterhaltung“ auf Ölpapier, dem er sich 1935 zuwandte. Der Begleittext im Katalog geht der Frage nach, ob der mit Berufsverbot belegte Künstler aus pragmatischen Erwägungen den neuen Bildträger wählte: Weil er leichter bei Hausdurchsuchungen zu verstecken war? Einmal mehr überzeugt der Katalog der „Ausgewählten Werke“ mit begleitenden Texten, die neben der kunsthistorischen Aufbereitung immer auch politische Zusammenhänge ins Blickfeld rücken. Etwa wenn Max Liebermanns „Kohlfeld im Wannseegarten nach Westen“ (280000–340000 Euro) nicht das Idyll der üppigen Pflanzenwelt seiner Sommerresidenz intoniert, sondern sich die bitteren Lebensumstände im Kriegsjahr 1917 in Motiv und expressivem Duktus widerspiegeln.

Eine Entdeckung ist Henri Manguins „Le Modèle“ von 1904/05, das lange Zeit unbekannt in einer Berliner Privatsammlung hing und auf 30000 bis 40000 Euro geschätzt ist. Vom Rang seines Künstlerfreundes Henri Matisse ist Manguin zwar weit entfernt, doch hält der zwischen Impressionismus und Fauvismus vibrierende Akt dem direkten Vergleich durchaus stand: Zwei Werke mit ebendiesem Modell befinden sich im Besitz des Pariser Musée National d’Art Moderne.

Ein weiterer Protagonist der französischen Malerei ist in der Fotografie-Abteilung zu finden, wo René Magritte „Die Zuverlässigkeit der Bilder“ ad absurdum führt. 8000 bis 12000 Euro werden für die 16 posthumen Abzüge erwartet. Vintage-Prints der Fotografie-Klassik gibt es von Frantisek Drtikol (10000–15000 Euro), Lewis Hines „Finishing Tower on Empire State“ soll 12000 bis 14000 Euro bringen und Albert Renger-Patzschs „Samenkapsel des Löwenzahns“ 10000 bis 12000 Euro. Die Pusteblume, die das Titelbild des 317 Lose umfassenden Foto-Katalogs ziert, erinnert dann auch daran, dass es in einem Auktionshaus nicht nur um stille Zwiegespräche geht, sondern auch der Sturm dazugehört, mit dem sich die Bilder-Samen verbreiten.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25, Vorbesichtigung bis 23. November, Sonnabend bis Dienstag 10–18.30 Uhr, Mittwoch 10–17 Uhr.

Auktionen: Fotografie: 24. November, 15 Uhr. Ausgewählte Werke: 25. November, 17 Uhr. Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts: 26. November, 10 Uhr. Third Floor - Schätzwerte bis 3000 Euro: 26. November 15 Uhr.

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