Hermann Burger : Die Kunst des Selbstmords

Eine Erinnerung an den extrovertierten Schriftsteller Hermann Burger. Dessen Selbstmord schien zwar konsequent, doch der Zeitpunkt passte nicht.

Gerrit Bartels

Sein Suizid mit einer Überdosis Schlaftabletten am 28. Februar 1989 war seltsam konsequent. Erst ein Jahr zuvor hatte Hermann Burger ein Todes- und Selbstmordthesen-Büchlein mit dem Titel „Tractatus logico-suicidalis“ veröffentlicht und darin unter anderem behauptet, dass der Selbstmord ein rühmliches Kunstwerk sei, gerade bei schwer Depressiven, dass man den Selbstmord als würdigen Abschluss einer Krankheitskarriere und damit auch als opus magnum betrachten könne. Solche gewagten Thesen passten perfekt zu dem glamourös-inspirierten Schweizer Schriftsteller Hermann Burger, nicht zuletzt weil er sich selbst mit einer schweren manisch-depressiven Erkrankung herumschlagen musste.

Was aber nicht recht zu seinem Selbstmord passen wollte: der Zeitpunkt des gewählten Todes. Denn gerade war der erste Teil seines auf vier Bände angelegten Zeit- und Zigarrenromans „Brenner“ veröffentlicht worden. Burgers Mentor und Bewunderer Marcel Reich-Ranicki merkte dann auch an, dass ein Schriftsteller mit einem gerade veröffentlichten Buch sich eigentlich nicht umbringen würde und zweifelte: „Ob er wirklich sterben wollte, werden wir nie erfahren.“

Und es passte genauso wenig, dass Burger sein gesamtes Werk seiner Krankheit gewissermaßen abrang, er im ständigen Clinch mit seiner endogenen Psychose liegend immer die Oberhand über diese behalten wollte. Alle seine Bücher, beginnend mit dem 1970 veröffentlichten Erzählband „Bork“ sowie dem Romandebüt „Schilten“ von 1976, bestehen aus Krankheits- und Todesgeschichten. Todesnähe, Todesbewusstsein und Todesangst sind ihre essentiellen Bestandteile. Und dagegen setzte Burger seine immense, überbordende Sprachkraft.

Um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, um die Lebensursache herauszufinden, wie er das nannte, spielte er virtuos und hemmungslos mit der Sprache, reicherte seine Prosa mit Fremdwörtern, Fachausdrücken und Neologismen an. Und das wiederum in Sätzen, die kein Ende nehmen wollen, die immer wieder von Einschüben und Abschweifungen unterbrochen werden und manchmal über eine Seite gehen, die aber immer wieder den einmal begonnenen Gedanken, die einmal begonnene Erzählung gekonnt zu Ende führen.

Aus Therapien wurde für den 1942 im Schweizerischen Burg geborenen Burger oft genug Literatur. Infolge einer Thermalstollentherapie entstand 1982 nicht nur sein Roman „Die künstliche Mutter“, sondern auch die Erzählung „Die Wasserfallfinsternis von Badgastein“, mit der er 1985 das Klagenfurter Bachmannlesen gewann. Berühmter jedoch wurde er, weil er sich öffentlichkeitswirksam als Schriftsteller inszenierte und damit die Blaupause für die ihm ein Jahrzehnt später folgenden Popschriftsteller lieferte: Zigarren, teure Anzüge, Siegelringe und ein roter Ferrari gehörten für den zunächst als Privatdozent für deutsche Literatur in Zürich und dann als Feuilletonredakteur tätigen Burger genauso zum Schriftsteller-Dasein wie öffentlich ausgetragene Privatstreitigkeiten mit seiner Frau, die ihn 1987 verließ. Kurz nach Einreichung der Scheidung rechnete er mit ihr in einem „FAZ“-Artikel unter dem Titel „Die totale Cardiostrophe oder Das Verbrechen der Bündner Juristin“ ab.

Folglich waren auch seine Romane schwer autobiografisch eingefärbt. Man kann sie, insbesondere das fragmentarisch gebliebene Großwerk „Brenner“, als Parallelaktion von willentlicher und unwillentlicher Erinnerung bezeichnen. Das obsessive Zigarrenrauchen war für ihn reine Erinnerungsarbeit, in Anlehnung an das Tunken der Proustschen Madeleine in den Lindenblütentee, aber auch seine fast manischen Recherchen. Über den Weg trauen aber sollte man ihm nie: „Die Historiker sind gehalten, zu schildern, was und wie es gewesen ist, während wir, die freien Skribenten, darstellen, was und wie es gewesen sein könnte.“

Hermann Burger geriet nach seinem Tod schnell in Vergessenheit. Seine Art, weniger flott zu erzählen als nicht zuletzt der Welt-Literatur abgerungene Literatur zu produzieren, war nicht mehr gefragt. Vielleicht schaffen es dieser Jubiläums-Todestag, eine Ausstellung in Zürich über sein Leben und Werk sowie die Wiederveröffentlichung von „Schilten“, ihn diesem unverdient schnellen Vergessen wieder zu entreißen. Dann erfüllt sich womöglich sogar der letzte Satz seiner Erzählung „Der Schuß auf der Kanzel“: „Schriftsteller sein heißt Sprache haben über den Tod hinaus.“

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