Hermann-Erzählband "Nichts als Gespenster" : Eine kleine Herbstmusik

Sound der Vergeblichkeit: Judith Hermanns lang erwarteter Erzählungsband „Nichts als Gespenster“

Gregor Dotzauer

Diese still vor sich hinschaukelnden Sätze. Absatz um Absatz, Seite um Seite, Textwelle um Textwelle reihen sie sich aneinander, mit winzigen Schaumkronen auf der Oberfläche, die verraten, dass hier auch gefährlichere Wogen rollen könnten, wenn ein anderer Wind wehen würde. Diese harmlosen Sätze, die manchmal nur aus Klang, Atmosphäre und Vagheit zu bestehen scheinen und sich wie von selbst fortschreiben, ohne dass sie von einer Handlung angetrieben werden.

Wie in der Titelgeschichte von Judith Hermanns neuem Buch „Nichts als Gespenster“ (S. Fischer Verlag, 17,90 Euro). „Letztendlich war es immer Ellen, die mit anderen sprach, fragte und redete“, heißt es da. Und der mit immerhin drei Verben ausgestattete Satz hört an dieser Stelle nicht auf, er geht mit einer Ergänzung weiter: „nicht nur in Amerika“, zweite Ergänzung: „auch zu Hause“, dritte Ergänzung: „auch an anderen Orten“, vierte Ergänzung: „immer“. Und auch der nächste Satz funktioniert so: „Er saß meist zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, er drehte minutenlang an einer Zigarette herum, prüfte sie lange, zündete sie an und inhalierte tief, eine gute Zigarette, die beste dieser Welt.“ Der übernächste nimmt das Muster wieder auf, und der überübernächste wieder. Dazwischen ein auf das Nötigste verknappter Hauptsatz, dessen hart gesetzter Punkt sofort eine ganze Kette mit Kommata sanft aneinander stoßender Hauptsätze in Bewegung setzt, an denen gerne aufs Partizip zusammengestauchte Relativsätze hängen.

Judith Hermanns Sound entsteht aus der Spannung von extremer Ausdünnung – der Lust am Adjektiv, des Plots, des Nachvornerzählens – und des ornamentalen, in Wiederholungsschleifen kreisenden Zierats ihrer Syntax. Man kann süchtig werden nach dieser Sprachmusik, und die 250 000 Käufer von „Sommerhaus, später“, ihres mittlerweile in 17 Sprachen übersetzten Debüts von 1998, hatten offenbar ein Ohr dafür. Hermanns Sound kann einen auf Dauer aber auch einlullen. Und weil er auf den 319 Seiten von „Nichts als Gespenster“ um ein gutes Drittel länger anhält als in „Sommerhaus, später“, bleibt vielleicht der Moment nicht aus, an dem sich das Wachbewusstsein ein letztes Mal gegen das eurhythmische Design dieser Prosa wehrt und stutzt: Wovon erzählt dieses Buch überhaupt?

Das Problem ist weniger, die insgesamt sieben, zwischen 20 und 60 Seiten langen Erzählungen, auf einen Nenner zu bringen: Die von keinem Tempo- oder Tonfallwechsel getrübte overall texture, die gleichmäßige Behandlung des sprachlichen Materials, lässt die Eigenheiten jeder Geschichte ohnehin verschwimmen, und all die Ruths und Jacobs und Peters erscheinen noch mehr als Agenten jener allgegenwärtigen Wehmut, die Judith Hermann, Jahrgang 1970, ihnen zuschreibt. Das Problem ist eher, dass die Liebesgeschichten, durch die sich ihre Helden treiben lassen, kaum einen Unterschied machen zwischen Erfüllung und Versagung, als wäre das nicht auch in Zeiten des schnödesten Gefühlspragmatismus ein Unterschied ums Ganze.

Das Irgendwie ist der Kern aller Beziehungen, und die kleine Herbstmusik, die Judith Hermann in ihren kunstfertigen Erzählungen anstimmt, entfaltet sich zwischen Nochnicht und Nichtmehr genauso schmerzlos wie zwischen Schonda und Kannsein. „Es war traurig, dass ich die Abwesenheit der Liebe, selbst die Abwesenheit einer möglichen Liebe zum ersten Mal in meinem Leben als tröstlich und erleichternd empfand“, heißt es einmal. Und in einer anderen Geschichte: „Jacob ist sich sicher, dass wir all das, was uns aneinander verstört, was wir nicht aussprechen und vergeblich befragen, alles, was unverständlich bleibt, kränkend, schon die Liebe ist, in ihrer ersten Form.“ Liebe hin, Liebe her, ein bisschen Wehmut ist nicht schwer.

Das Schwebende solcher Zustandsbeschreibungen, die manchmal das Geheimnis zwischen zwei Menschen mit zwei, drei Strichen auf das Wunderbarste andeuten, hat auch etwas Diagnostisches: Es trifft die Unverbindlichkeit der zeitgenössischen Liebesordnung und -unordnung in ihrem romantischen Kern. All die heruntergedimmten Leidenschaften enthalten die Sehnsucht nach ihrem Gegenteil – und führen da, wo immer es bei Judith Hermann um handfeste Berührungen geht, nur zu schnell wieder abgebrochenen Versuchen.

Zugleich ist die Unentschiedenheit der Figuren aber eher eine Haltung der Autorin als eine, die aus den Charakteren selbst hervorgeht. „Ruth (Freundinnen)“ zum Beispiel ist eine Dreiecksgeschichte um zwei junge Frauen, die einander körperlich sehr nahe sind und sich mit demselben Mann einlassen: die Geschichte eines Vertrauensbruchs und eines Scheiterns. Die Idee zählt nichts, die Gestaltung alles. Doch was gestaltet wird, ist nicht viel mehr als die durchgängige Idee: Vergeblichkeit in kleinen Münzen. Eine sehr junge, eine sehr alte Weisheit ist hier zu spüren, die leider nicht über die Erzählungen in „Sommerhaus, später“ hinausgeht, spätpubertär und frühresignativ, vor allem aber eine erschreckende Stofflosigkeit.

Judith Hermanns Kollege Norbert Kron hat im letzten Augustheft der „Akzente“ ein „Plädoyer für den Liebestod“ gehalten, um der Literatur etwas von ihrer einst im Gesellschaftsroman verankerten Radikalität zurückzugeben. Das mag übertrieben sein, aber zwischen den körperlichen Zerreißproben, denen die Schottin A.L. Kennedy ihre Figuren im rein Individuellen ausliefert und den sozialen Demütigungen, denen Michel Houellebecqs Protagonisten auf dem Fleischmarkt ausgesetzt sind, liegt ein ganzer Kosmos von Stoffen, die so vor 50 oder 100 Jahren noch nicht erzählbar waren.

„Sommerhaus, später“ spielt überwiegend in Berlin. Mit ihren neuen Texten schwärmt Judith Hermann aus in alle Welt, als hätte sie in Karlovy Vary, Korsika und Prag, in Paris und Reykjavík um jeden Preis etwas anderes finden wollen als daheim. Wenn sie mit ihren Figuren nach Tromsø in Norwegen reist, fällt dem ortsunkundigen Leser vielleicht nicht sofort auf, wie wenig sie dabei vom Fleck kommt. Doch wenn sie sich in „Aqua Alta“ nach Venedig verirrt, merkt man, wie sehr sie mit dem Stadtplan in der Hand geschrieben hat. Eine Fülle von Bauwerken, Kirchen und Plätzen geistert durch ihre Sätze: lauter Namen. Und gleich auf den ersten zehn Zeilen gelingt es ihr, so viele einschlägige Stichwörter – Vaporetto, Lagune, Palazzo, Gassenlabyrinth – unterzubringen, dass man sich fragt, was von der Stadt sie denn wirklich gesehen hat.

Der Text ist deshalb symptomatisch, weil er zeigt, dass Judith Hermann, wenn schon Venedig selbst sie kein ehrfürchtiges Beobachten gelehrt hat, auch Hunderte früherer, weltliterarischer Venedigtexte nicht beeindruckt haben. Denn zur Voraussetzung eines Schreibens, das nicht auf Leserbestätigung, sondern auf Erkundung unbekannten Terrains aus ist, gehört zwar ein hohes Maß an Wahrnehmungsschärfe. Noch stärker aber fordert es ein durch Lektüre entstandenes Bewusstsein für die Tradition. Judith Hermann tut so, als könnte sie freihändig über die Wasser von Venedig fliegen und einen jungfräulichen Blick herab werfen. Diese literarische Naivität, die nur ihr Stilbewusstsein an fremden Texten geschult hat und sich ansonsten in relativ abgedichteten Innenwelten bewegt, verbindet Judith Hermann wahrscheinlich mehr als alles andere mit manchen Autoren ihrer Generation.

Es gibt, Gott sei Dank, keine DIN-Norm für Literatur. Jeder Text entwirft seine eigenen Maßstäbe, aber manche Preise, wie der Kleistpreis, richten Ansprüche an die Trägerin Judith Hermann. Ihr neues Buch erfüllt sie nicht und enthält doch eine Reihe hinreißender Szenen. Die Titelgeschichte führt ein junges kinderloses Paar nach Austin, Nevada, wo sie Buddy begegnen, einem Bauarbeiter, der mit seinen 32 Jahren für immer in dem Wüstennest hängengeblieben zu sein scheint, irgendwie verheiratet, irgendwie entliebt. Und er erklärt Felix und Ellen ein für allemal, warum man Kinder haben muss – nämlich um dem Nachwuchs irgendwann kleine Turnschuhe kaufen zu können, „ein perfektes Abbild eines wirklichen Turnschuhs. Du kaufst diese winzigen Turnschuhe, blau und gelb und mit festen Schnürsenkeln und gefederten Sohlen in einem vollkommenen, kleinen Schuhkarton, und du bringst sie deinem Kind mit und ziehst sie ihm an, und es läuft damit los. Es läuft einfach damit los. Das ist alles.“

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