Kultur : Hermann Göring: Der Sammler

Bernhard Schulz

Zum "letzten Renaissancemenschen" hat er sich stilisiert, und die Machtmittel des Reichsmarschalls, Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Reichsluftfahrtministers und Inhabers von zahllosen weiteren höchsten Ämtern erlaubten es Hermann Göring, dem hochgemuten Wort entsprechende Taten folgen zu lassen. Als Kunstsammler jedenfalls wollte er es mit seinen Vorbildern aufnehmen. Von Anbeginn der NS-Herrschaft wusste Göring seine Möglichkeiten zu nutzen. Parallel mit dem Auf- und Ausbau seiner prunkvollen Residenz "Carinhall" nördlich von Berlin wuchs eine Kunstsammlung heran, die selbst im "Dritten Reich" ihresgleichen nicht hatte - mit der einzigen Ausnahme von Hitlers Kunstbesitz. Während Hitler aber für das "Führermuseum" am geplanten Alterssitz Linz sammeln ließ, nahm der zweite Mann des NS-Regimes persönlich engsten Anteil am Aufbau seiner für die Dekoration seines Landsitzes bestimmten Sammlung.

So liefert die jetzt unter dem nüchternen Titel "Die Kunstsammlung des Reichsmarschalls Hermann Göring" vorgelegte Untersuchung von Günther Haase ein bewegtes Bild eines der mächtigsten Männer des NS-Regimes. Der Hamburger Jurist und Historiker rekonstruiert vor allem aus amerikanischen Archivfunden, was, wie und mit welchen Mitteln Göring gesammelt hat - und zwar allein zum persönlichen Vergnügen. Göring dachte gar nicht daran, seine Sammlung jemals der Öffentlichkeit zu übergeben. Vielmehr sollte der "Waldhof Carinhall" durch ein "Hermann-Göring-Museum" gekrönt werden - zu eröffnen am 60. Geburtstag im Januar 1953.

Noch im Januar 1945 beschäftigte sich Göring mit entsprechenden Plänen, und bis unmittelbar vor dem Eindringen der Roten Armee Ende April beließ der Genussmensch Göring seine Schätze um sich. Was dann begann, ist eine der bizarrsten Odysseen, die Kunstwerke in den Götterdämmerungstagen des "Dritten Reiches" erleiden mussten, quer durch die noch unbesetzten Reichsgebiete Richtung Berchtesgaden, wo sie, auf Züge geladen, teils in Tunneln strandeten, teils gar von marodierenden franzsösischen Truppen geplündert wurden, schlussendlich aber zum größten Teil von der US-Armee sicher gestellt und alsbald auch an die ursprünglichen Eigner wiedergegeben wurden. Die Sammlung Göring - nichts als ein Spuk, der für die Mehrzahl der Stücke nicht einmal ein halbes Jahrzehnt gedauert hatte.

Denn erst der Krieg, mit dem Hitler Europa überzog, eröffnete die Möglichkeit zum Kunsterwerb im ganz großen Stil. Dabei blieb Göring, anders als Hitler und andere Paladine, in erstaunlichem Maße innerhalb der gesetzlichen Grenzen. Der Reichsmarschall beschlagnahmte nicht, er kaufte und bezahlte. Es ist dies - nach allen Erkenntnissen über die Raubzüge der Nazi-Elite - die vielleicht überraschendste Aussage der akribisch recherchierten Studie Haases. Der Autor zeigt, wie bedacht sich Göring zumindest anfänglich vor zweifelhaften Erwerbungen, insbesondere solchen aus jüdischem Eigentum, hütete; eine Haltung, von der er erst im Verlauf des Krieges Abstriche machte. Göring blieb konsequent beim Kunsthandel; sein Mittelsmann war der angesehene Berliner Händler Walter Andreas Hofer. Es ging gesittet zu, mit Angebot und Preisverhandlung. Freilich ist zu bedenken, wie zunehmend fließender die Grenzen zwischen angemessenen und aus Not gebotenen Preisen wurden. Haases sorgfältige Untersuchung belegt allerdings einmal mehr, dass der Kunsthandel in Frankreich und Holland bis weit in die Besatzungszeit hinein "normal" funktionierte, ja durch die neue reichsdeutsche "Kundschaft" bemerkenswerten Aufschwung nahm. Es gehört zu den makabren Fußnoten des NS-Rassenwahns, dass Göring bestimmte, ihm dienliche Händler jüdischer Herkunft ausdrücklich vor den Verfolgungen der SS in Schutz zu nehmen, um günstige Einkaufsquellen zu erhalten.

Göring, auch dies belegt Haase, verhielt sich bis zuletzt wie ein Geschäftsmann; er handelte, suchte Preise zu drücken, beharrte unerbittlich auf Quittungen und überhaupt auf der Aktenkundigkeit aller Vorgänge. Diese Akten sind weitgehend erhalten - und zeigen, dass Göring seine enormen Geldmittel teils aus seinen diversen Zugriffsmöglichkeiten auf öffentliche Gelder, vor allem aber aus den kontinuierlich in großer Höhe fließenden Spenden wohl gesonnener Industrieller speiste. Allein der Hamburger Geschäftsmann Reemtsma brachte insgesamt mindestens 13 Millionen Reichsmark auf. Hier weitet sich der Blick vom Privatleben einer Parteigröße auf die Verflechtung von Staat und Kapital unter der NS-Diktatur. Es gab unter dem Totalitätsanspruch des "Dritten Reiches" zwischen beidem keine klare Grenze. Görings vermeintliche Privatsammlung mit ihren tausenden von Objekten war darum nach Kriegsende als NS-Besitz zu behandeln und an die Herkunftsländer zu restituieren. So, wie "Carinhall" verschwand, wurde auch Görings Kunstsammlung zur Episode der NS-Geschichte.

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