Kultur : Hermann Kant: Der Aufenthalt zwischen den Stühlen der Geschichte

Christoph Funke

Geschichte hat einen langsamen Gang. Das Verständnis von Geschichte ist noch langsamer. Deshalb bleiben Zweifel, ob es möglich ist, gerecht über einen Erzähler zu schreiben, der im geteilten Deutschland gefeiert worden ist wie kaum ein anderer. Und über einen Menschen, dessen Verstrickungen ins politische System der DDR Hass und Verachtung ausgelöst haben, auch wie bei kaum einem anderen.

Ein Versuch: Hermann Kant hat in seinem erzählerischen Werk den Alltag im DDR-Sozialismus heiter zugeschliffen, kenntlich gemacht und verfremdet. Er stülpte das Gegebene, boshaft, ironisch, frech, so geschickt von innen nach außen, so, dass plötzlich der Eindruck entstand, man könne mit Lust und List dem Kleinlichen, Verzagten und dem Pompösen, Machtbesessenen begegnen. Wir haben ihn bewundert.

"Die Aula" war 1963 zunächst ein umstrittener, heftig angegriffener Roman. Kant entdeckte den Witz der Plebejer und die Bedenklichkeit der "neuen" Intellektuellen in Gestalt des Ich-Erzählers Robert Iswall, er fegte, so empfanden es die begeisterten Leser, die Dumpfheit und Sturheit einer verhärteten Ideologie hinweg. Der Roman machte schmiegsam, was vorher hart und unerträglich war. Jeder, der seinen Bildungsweg in der DDR zu gehen hatte, fand sich in der "Aula" wieder - und lachte Tränen. Damit aber lachte er auch über die bitteren, bösen, eben nicht mit Witz zu lösenden Probleme eines Sozialismus hinweg, der alle Hoffnungen des Anfangs Lügen strafte. Nach dem Roman "Das Impressum" (1973) kam nur ein Jahr später das dritte große Erzählwerk Kants heraus, "Der Aufenthalt"; die Geschichte eines jungen Deutschen, der 1945 in polnische Kriegsgefangenschaft und damit in ein unentwirrbares Geflecht von Schuld und Sühne gerät. Höhepunkt ist eine fast in sich geschlossene Novelle im Roman. Sie beschreibt den Gang des Helden durch das zerstörte Warschau. Schritt für Schritt wird dieser Weg zur rückhaltlos ehrlichen, erschütternden Rechenschaft über schuldig-unschuldige Verstrickungen in einen unbarmherzigen Krieg - "ohne Verfälschung, ohne Beschönigung", wie Marcel Reich-Ranicki schrieb.

Aber auch "liebevolle Verniedlichung" hat der Kritiker dem Erzähler vorgeworfen, und Hans Mayer charakterisierte die Prosa Kants einmal als das "emsige Bereden von allem". Schwerer fällt ins Gewicht, dass Kant als Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR (seit 1978, in der Nachfolge von Anna Seghers) die Freiheit der Schreibenden, also ihre Befreiung von Zensur, nicht zu erringen vermochte. Er wurde zum langen Arm der Mächtigen, die eine unabhängige, eigensinnige, kritische Kunst nicht dulden wollten. Dabei hat auch Kant gegen die Betonköpfe gekämpft, ganz gewiss. Er hat auch manchem Gefährdeten geholfen. Die großen Verheerungen, wie die Ausschlüsse aus dem Schriftstellerverband 1979 (darunter Stefan Heym, Klaus Poche, Rolf Schneider) vermochte er nicht zu verhindern.

Wer deutsche Geschichte begreifen, wer der untergegangenen DDR auf die Schliche kommen will, sollte Kant, der heute vor 75 Jahren in Hamburg geboren wurde, nicht beiseite lassen. Politische Irrtümer, menschliche Schwächen und Verfehlungen löschen Literatur nicht aus.

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