Hermann Parzinger über das Humboldt-Forum : Magischer Ort sucht Programmleiter

Eine Halle des Weltgedächtnisses mit spektakulären Sonderausstellungen - das Humboldt-Forum braucht nur noch einen Intendanten. Stiftungspräsident Hermann Parzinger über die Mission des Projektes.

von
Parzinger
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, hier bei der Grundsteinlegung für das neue Berliner Schloss.Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Der Schlossbau steht schon bis zur Dachkante, in fünf Monaten wird Richtfest gefeiert, und doch rätselt die Öffentlichkeit immer noch über die Inhalte und den Geist des Humboldt-Forums. Bisweilen besteht die irrige Vorstellung, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz würde lediglich die außereuropäischen Sammlungen ihrer Staatlichen Museen von Dahlem nach Mitte verlegen und dort in ein neues Museum.

In Wirklichkeit geht es um viel mehr: Die großartigen Sammlungen zur Kunst und Kultur Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Amerikas, die zu den bedeutendsten weltweit gehören, werden das Rückgrat eines Zentrums bilden, das einlädt, die Welt neu zu sehen. Es geht um eine gemeinsame Geschichte der Menschheit, die nur verstanden werden kann, wenn der Blick nicht unentwegt um europäische Gewissheiten kreist. Deshalb war die Entscheidung der Stiftung zur Verlagerung und Neupräsentation der außereuropäischen Sammlungen auch die entscheidende Initialzündung für das Humboldt-Forum.

Hermann Parzinger: "Die Welt ist durcheinandergeraten"

Die Museumsinsel war die große Vision des 19. Jahrhunderts, mit ihren Schätzen präsentiert sie die Kunst- und Kulturentwicklung Europas und des Nahen Ostens. Das Humboldt-Forum entsteht im 21. Jahrhundert, in einer Zeit, in der wir längst die ganze Welt in den Blick nehmen. Und diese Welt ist gehörig durcheinandergeraten, denken wir nur an die jüngsten Ereignisse in Paris oder an die von Ressentiments geleitete „Pegida“-Bewegung in Deutschland. Clashes of civilizations allerorts und Fremdenfeindlichkeit bei uns trotz einer notwendigerweise immer multiethnischer werdenden Bevölkerung machen ein Humboldt-Forum nötiger denn je. Was wir gegenwärtig erleben, ist nicht nur eine Folge von Armut und Perspektivlosigkeit. Bildung ist eine der entscheidenden Waffen gegen Vorurteile und Extremismus. Wir wollen ein mit Schätzen und Wissen angefülltes Haus, das von Toleranz und Respekt erzählt. Das ist die eigentliche Mission des Humboldt-Forums.

Sein Potenzial liegt in den großartigen Sammlungen begründet. Dabei geht es nicht um eine durchgehende Musealisierung des Humboldt-Forums, aber die Objekte und Kunstwerke müssen stärker als jemals zuvor Wissen über die Welt vermitteln und alte und falsche Denkmuster aufbrechen. Der Dialog muss also bereits direkt in und mit der Ausstellung beginnen. So führt zum Beispiel die Erwerbungsgeschichte von Objekten im Kontext des Kolonialismus unweigerlich zur Frage nach den Ursachen und Folgen der von Europa diktierten Weltordnung des 18. und 19. Jahrhunderts, an deren Nachwirkungen die Welt noch heute leidet. Alles im Leben hat seine zwei Seiten, wie die Präsentation der bronzenen Reliefplatten aus Benin verdeutlichen wird, die zu den Highlights westafrikanischer Kunst im Humboldt-Forum gehören werden: Während man auf der Vorderseite dieser Stücke ihre kunstvollen Darstellungen bewundern kann, wird der Besucher auf ihrer ebenfalls sichtbaren Rückseite mit der Erwerbungsgeschichte konfrontiert werden: Interviews, Filme und Fotos thematisieren dort Ursache und Folgen der Kolonialisierung auch mit den Stimmen der Opfer.

Humboldt-Forum soll aus Perspektive der Jetztzeit fragen

Wer meint, das ginge uns heute in Europa nichts mehr an, irrt gewaltig, vergeht doch kaum ein Tag, an dem die Nachrichtsendungen nicht über neu aufgebrachte Schiffe voller Flüchtlinge aus Afrika vor den Küsten Südeuropas berichten. In unserer Gegenwart stecken so viele Spuren der Vergangenheit, gerade deshalb müssen wir in den Ausstellungen die Objekte auch aus der Perspektive der Jetztzeit befragen.

Die Menschen von heute erreichen wir nur, wenn wir ihre Fragen, Sorgen und Ängste ernst nehmen. Hier ist die ganze Kompetenz der am Humboldt-Forum teilhabenden Einrichtungen gefordert. Die Staatlichen Museen, die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek können ebenso wie die regionalwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen Berlins eine Menge an Fach- und Übersetzungswissen über die Welt beitragen.

Von entscheidender Bedeutung wird es sein, die Sammlungen zu Trägern einer intensiven und dauerhaften Kommunikation mit den Kulturen und Ländern zu machen, aus denen sie stammen. Im Sinne von shared heritage sollten wir gemeinsam die Sammlungen entschlüsseln und ihnen ihre Geschichten entlocken. Europa ist nicht mehr das Weltdeutungszentrum, und wir sind gehalten, die Perspektiven der Anderen einzubeziehen, auch wenn sie bisweilen unangenehme oder uns auf den ersten Blick nicht einleuchtende Fragen stellen. Auch das gehört zu einem Dialog der Weltkulturen. Bei der Arbeit mit der Amazonien-Sammlung kooperieren wir mit einer indigenen Universität am Orinoco in Venezuela; im künftigen Humboldt-Forum wird sich der Besucher über eine Internetplattform direkt mit den Menschen dort unterhalten und von ihnen mehr über die ausgestellten Objekte und die heutigen Probleme erfahren können. Er wird in eine Welt eintauchen, in der Tiere als Personen gedacht werden und Menschen mehrere Seelen besitzen können. Der chinesische Architekt und Künstler Wang Shu wird einen mächtigen Raum zum Thema chinesische Hofkunst gestalten und seine heutige Sichtweise auf die eigene Kulturgeschichte in besonderer Weise sichtbar werden lassen. Shared heritage als eine besondere Form von shared history ist eine ganz konkrete Ausgestaltung des Dialogs der Weltkulturen und eine der zentralen Leitlinien unserer Arbeit.

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

3 Kommentare

Neuester Kommentar