Hermann Parzinger zu Dahlem : Der Museumskomplex soll zum Forschungscampus werden

Was passiert mit dem alten Museumskomplex? Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kultur, über das Potenzial des Standorts und künftige Pläne. Ein Gastbeitrag.

Hermann Parzinger
Ansicht des Museumskomplexes in Dahlem.
Ansicht des Museumskomplexes in Dahlem.Foto: Thilo Rückeis

Es begann mit einer Vision. In Dahlem sollten sich Teile der Universität, wissenschaftliche Institute, Museen und andere Bildungseinrichtungen ansiedeln, von einem „preußischen Oxford“ im Südwesten Berlins war die Rede. Auch für einige Sammlungen, die heute zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehören, wurden Häuser konzipiert. Wilhelm von Bode, Generaldirektor der Berliner Museen, träumte von einem großen Museumskomplex, der die Kunst und Kultur der vier Erdteile Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien in ebenso vielen Neubauten gleichberechtigt nebeneinander zeigen sollte.

Was für ein zukunftsweisendes Projekt schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Bis 1921 konnte jedoch nur ein Gebäude nach Plänen von Bruno Paul fertiggestellt werden. Auch für das frühere Preußische Geheime Staatsarchiv entstand damals in Dahlem ein großer Archivbau. Der Zweite Weltkrieg und die Auflösung Preußens beendeten zunächst die Pläne eines Wissenschaftsstandortes im Südwesten Berlins. Erst in der Zeit der Teilung der Stadt und der Gründung der Freien Universität 1948 wurde an diese Überlegungen wieder angeknüpft.

Dahlem als Forschungscampus

Heute liegt der Museumskomplex Dahlem vorteilhaft im Zentrum relevanter Institute der Freien Universität und unweit der FU-Universitätsbibliothek, des Deutschen Archäologischen Instituts und des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Dieses Potenzial nutzend möchten wir unseren Dahlemer Standort in den nächsten Jahren zu einem neuen Forschungscampus weiterentwickeln. Nach dem Umzug der Ausstellungsflächen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst ins Humboldt-Forum ergeben sich hier ganz neue Möglichkeiten.

Obgleich dort insgesamt mehr Exponate als bislang in Dahlem gezeigt werden können und diese durch den modularen Aufbau der Ausstellungen zudem regelmäßig wechseln, wird auch am neuen Standort immer nur ein Bruchteil der riesigen Sammlungen ausgestellt werden. Allein im Bereich des Ethnologischen Museums umfassen sie rund eine halbe Millionen Objekte.

Von Anfang an wurde daher mit zwei Standorten geplant. Nun gab es eine Planungsänderung im Humboldt-Forum bei den bislang dort vorgesehenen Bibliotheksflächen im ersten Obergeschoss. Dazu kommt das Moratorium bei der Weiterentwicklung des Zentraldepots der Stiftung in Friedrichshagen. Beides eröffnet nun neue Möglichkeiten. Da eine räumliche Trennung des wissenschaftlichen Personals von der Forschungsinfrastruktur aus Bibliothek und Studiensammlungen nicht denkbar ist, muss eine gemeinsame Unterbringungsmöglichkeit gefunden werden. Hierfür erscheint der etablierte Standort Dahlem ungleich besser geeignet als Friedrichshagen.

Bündelung der Forschungsressourcen wäre vorteilhaft

Im Humboldt-Forum unterhalten die beiden Museen neben kleineren Werkstatt- und Depotbereichen vor allem ihre Ausstellungsflächen, auf denen die Sammlungen präsentiert, die Erkenntnisse der Forschung vermittelt werden. Das ist wichtige Bildungsarbeit. Dahlem aber bleibt die „homebase“, wo die wissenschaftliche Grundlagenarbeit der Museen und ihrer Kooperationspartner stattfindet, mit Vertreterinnen und Vertretern der Ursprungsgesellschaften zusammengearbeitet und geforscht wird. In Dahlem werden neue Konzepte für die Präsentation und die Ausstellungsmodule im Humboldt-Forum erarbeitet.

Die Ressourcen des Ethnologischen Museums, des Museums für Asiatische Kunst und des ohnehin mit seinem Museumsbetrieb mittelfristig in Dahlem verbleibenden Museums Europäischer Kulturen werden damit dem Standort nicht nur erhalten, sondern durch vielfältige Optimierungen sogar noch gestärkt. Die im Museumskomplex zusammenzuführenden Buchbestände der drei Häuser würden in einer aktuell 230 000 Bände umfassenden Spezialbibliothek der Kunst und Kulturen der Welt vereint, die in der Forschungslandschaft ihresgleichen sucht, ergänzt durch einmalige Archivunterlagen aller drei Museen.

Eine solche Bündelung der Forschungsressourcen im Museumskomplex Dahlem hätte den enormen Vorteil, dass gleichzeitig auch weitere sinnvolle und kostensparende strukturelle Maßnahmen erfolgen könnten. So sind Direktion, Bibliothek, Restaurierungswerkstätten und Depot des Museums Europäischer Kulturen bislang gar nicht im eigentlichen Museumskomplex Dahlem untergebracht, sondern in Räumlichkeiten des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz. Dieses wiederum muss deshalb einen großen Teil seiner empfindlichen Archivalien in angemietete Depoträume im Westhafen auslagern und kostenintensiv zwischen den beiden Standorten hin- und hertransportieren. Die Gelegenheit einer Neuplanung des Standorts Dahlem beim Schopfe packend, würden bei einer Flächenrochade alle Häuser profitieren. Das Museum Europäischer Kulturen zieht mit Verwaltung, Bibliothek, Werkstätten und Sammlungsbestand auf die frei werdenden Flächen der in das Humboldt-Forum wechselnden Ausstellungsbereiche des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz könnte den dann wieder verfügbaren Magazintrakt für das eigene und derzeit im Westhafen untergebrachte Archivgut nutzen.

Schaufenster der Wissenschaft

Weitere Flächen, die für die Optimierung der Museumsabläufe der drei Häuser nicht benötigt werden, können Dritten angeboten werden, die das Profil des „Forschungscampus Dahlem“ abrunden. So wäre beispielsweise die derzeit in Charlottenburg untergebrachte Abguss-Sammlung Antiker Plastik der FU Berlin eine sinnvolle Ergänzung und Bereicherung.

Am Standort Dahlem kann unter diesen Voraussetzungen ein lebendiger Ort der Forschung und des Erkenntnistransfers entstehen, der mit den benachbarten renommierten Institutionen einen geisteswissenschaftlichen Fixpunkt schafft – für den Bezirk eine Ideallösung und für den Wissenschaftsstandort Berlin ein großer Gewinn. Die im Humboldt-Forum angesiedelten Stipendienprogramme und Laboratorien würden durch die bestehende Infrastruktur und die verkehrstechnisch günstige Anbindung Dahlems unterstützt und gestärkt. Externe Forscher, Graduierte und Angehörige der Ursprungsgesellschaften würden hier ebenso Zugang zu Sammlungsbeständen und Forschungsinfrastruktur finden, wie die bestehenden Netzwerke mit der Freien Universität weiterhin sinnvoll für die Museen genutzt werden könnten.

Der „Forschungscampus Dahlem“ würde dabei – in Fortsetzung seiner musealen Tradition – besonders auch als Schaufenster der Wissenschaft spannende Ergebnisse der Forschung an die Öffentlichkeit vermitteln: Vorstellbar sind kleinere Studio-Ausstellungen, geführte Rundgänge durch die Studiensammlungen oder Blicke hinter die Kulissen, bei denen man etwa Restauratoren bei ihrer Arbeit über die Schulter schaut.

Diesen Frühsommer möchten wir dazu nutzen, mit den Institutionen, der Politik und den Menschen in Steglitz-Zehlendorf gemeinsam Pläne und Ideen zur Weiternutzung des Standorts zu diskutieren. Die wichtigste Botschaft: Ja, der Museumskomplex Dahlem hat eine Zukunft, die sich vorzüglich in die traditionellen Stärken des Berliner Südwestens einfügt.

Hermann Parzinger ist Archäologe und seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

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