Kultur : Heroische Explosionen

Eva Karcher

Auf den Seiten fast aller Feuilletons der vergangenen Tage marschierten sie auf: die Klonkrieger aus George Lucas neuem "Star Wars"-Film, eine Armee gleichförmig gepanzerter Stahlhaubenträger in einer durch und durch digitalen Welt. In 46 Ländern gleichzeitig ist "Episode II" gestartet, eine Space-Soap voller Special Effects und rostiger Roboter, ein Vakuum der Lichtschwerter und Detonationen, ein Kontinuum der Gewalt, das die Sinne mit seinem monströsen Augenmüll killt.

Die Allgegenwart "heftiger Bilder in den Medien und der Massendemokratie" war Thema des grandiosen Vortrags, den der Philosoph Peter Sloterdijk nun als dritter Referent nach Hans Belting und Bazon Brock in der Vorlesungsreihe "Iconic Turn" in der Aula der LMU München hielt. Konzipiert hat diese "Felix Burda Memorial Lectures" die Hubert Burda Stiftung in Erinnerung an den mit 34 Jahren verstorbenen Sohn des Verlegers, Felix Burda-Stengel, der sich in seinem Buch "Andrea Pozzo und die Videokunst" intensiv mit der Macht der Bilder auseinandersetzte. Um "Iconic Worlds. The Nature and Impact of Visual Imagery in Society", also um die Visualisierung von Wissen, geht es auch in einer von der Stiftung zusätzlich initiierten Konferenz am 5. und 6. November in der Ben Gurion Universität in Beer Sheva, an der Forscher ebenso wie Schriftsteller Unternehmer und die meisten der Referenten von "Iconic Turn" teilnehmen.

Peter Sloterdijk erklärt die Omnipotenz der Bilder mit dem "Doppelcharakter jeder Darstellung". Sie setze das fort, was sie abbildend nachahmt, gleichzeitig breche sie es wie in einem Spiegel. Deshalb, so folgert der Philosoph, gibt es kein neutrales Bild der Gewalt und keine unschuldige Repräsentation von Brutalität. Wer sie sichtbar macht oder von ihr erzählt, wird zum Komplizen, ebenso, wer sie kritisiert: "Wo immer Gewalt zitiert wird, ist sie als zitierende Macht selbst im Spiel".

Gewalt ist so etwas wie der Urstoff des menschlichen Machttriebs und damit auch des Mythos, den Sloterdijk als "erstes europäisches Massenmedium" begreift. Auch die griechische Legende schwelgt in detaillierter Grausamkeit, zum Beispiel, wenn sie den Bruderkrieg zwischen Atreus und Thyestes schildert. Atreus, so referierte Sloterdijk die "Urszene europäischer Gewalterinnerungen", hackte den Säuglingen des Thyestes "ein Glied nach dem anderen ab und setzte ausgewählte Stücke ihres Fleisches, in einem Kessel gekocht, Thyestes bei seiner Rückkehr als Willkommensgruß vor". Als der "sich satt gegessen hatte, sandte Atreus die blutigen Häupter, Füße und Hände auf einem anderen Teller zu ihm, um ihm zu zeigen, was er im Magen hätte. Thyestes schreckte zurück, erbrach sich und sprach einen unentrinnbaren Fluch über den Samen des Atreus aus".

Die Mordexzesse, die in Computerspielen wie "Counterstrike" simuliert werden, bis der Bildschirm rot zuckt, die Zerstörungsdelirien, denen sich die Schockrocker der amerikanischen Band "Slipknot" auf der Bühne hingeben, setzen nach Sloterdijks Meinung die Wut-Tragödien der Urfabeln mit Hightech-Mitteln fort: "Jeder Leser Homers kann sich davon überzeugen, daß Zorn das erste Wort des europäischen Geschichtenstroms ist". Ihm entspricht in Sloterdijks "postmodernem Gewaltbilderzirkus" der Begriff "Hass", der im Internet "eine neue Gemeinschaft der Hassenden stiftet". Denn das Internet gibt Psychopathen "das Gefühl, nicht allein zu sein".

Nicht Liebe, sondern Hass scheint sich derzeit am gewinnbringendsten vermarkten zu lassen. Dank der online-Anonymität kann sich das Böse in immer ungeheuerlicheren Bildern entfalten. Sloterdijk vergleicht die Regisseure der Gewaltindustrie mit Drogenhändlern, die eine "süchtig faszinierte postnationale, postmoderne Jugend" auf die ihr drohenden "Vernichtungsrisiken" vorbereiten. Die heißen heute Enttabuisierung, Demoralisierung und Totalverlust der Identität. Ihr modisches Accessoire ist die Maske, die sich der Amokläufer von Erfurt über den Kopf zog, und die Medienmonster ebenso wie Terroristen tragen, weil sie damit das Bild, das sie von sich selbst haben, auslöschen. Das Böse hat kein Gesicht, also kein Selbst. Vermummte töten deshalb leichter, wie Psychologen wissen, weil sie nicht mehr als Individuen handeln sondern als Maschinen oder Instrumente, identisch geworden mit der Waffe, die sie tragen.

Schon Hans Belting hatte in seinem Vortrag über "Echte Bilder und falsche Körper" festgestellt, daß es problematisch ist, den Bildbegriff, wie heute verbreitet, auf seinen visuellen Informationswert zu reduzieren und gleichzeitig den Körper nur noch als genetische Formel zubegreifen. Digitale Bilder, die sich "von der Referenz auf das Reale befreit haben, um eine virtuelle Realität zu erfinden", produzieren gleichzeitig den Verlust des Körpers, der auf ein Subjekt verweist - und also den Verlust von Humanität.

"Was in der aktuellen Gewaltbilderflut erscheint", diagnostizierte Sloterdijk, "ist die schreckliche Wahrheit der postmodernen Kondition: daß es für die meisten kein gelungenes Leben mehr geben wird, sondern nur ein gedehntes Scheitern". Daher also die unzähligen "heroischen Explosionen", die sich heute in Film, Video und Computergames nahezu nonstop entladen. Sloterdijk erkennt in ihnen den "Achilles-Weg" der Antike, jenes Vernichtungsprinzip, das sich in "erhabenen Explosionen als ein evidentes höheres Recht auf Herrschaft, Erfolg und Sieg offenbart". Diesem Modell ungehemmter Verschwendung von Energie, das nur Konsum und Gegenwart kennt, steht das schicksalhafte Szenarium des Thyestes gegenüber, das die Vergangenheit als Fluch und Verwünschung wieder zurückholt. Geschichte taucht so nur noch als Spunk auf: "Aus einer vergifteten Vergangenheit steigen Untote, Lemuren und Poltergeister auf und reißen kleine Leute hinaus in eine Arena kosmischen Grauens". Peter Sloterdijk schloß seinen Vortrag mit der wenig beruhigenden Bemerkung, daß der Horrorfilm das wichtigste Genre der Postpop-Moderne sei: "Die Abgeordneten der Toten werden dafür sorgen, daß das Band zwischen den Ekstasen der Zeit nicht reißt".

Später saß der Philosoph eine Weile müde und allein auf dem Sofa in der Villa des Verlegers, während die Gäste im Garten auf die bronzegold glühende Silhouette des Münchner Siegestors am makellos nachtblauen Himmel starrten und ein bißchen von jener Erhabenheit zu spüren glaubten, die Sloterdijk als "Zweikammersystem" definiert hatte, weil sie ambivalente Empfindungen auslöst, die zwischen wohliger Rührung und ins Mark gehender Erschütterung hin und her schwingen. Im Archiv der privaten Imagination wird die Idylle zum tröstenden Erinnerungsbild, vor dem Sloterdijks "reitende Leichen und Seelenfresser" verblassen.

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