Kultur : Herr der Geometrie

Jenseits der Moden: Heute feiert der Architekt Oswald Mathias Ungers seinen 80. Geburtstag

Bernhard Schulz

Sein Meisterstück hat er noch vor sich. Zumindest sein Berliner Meisterstück, der Stadt, der er neben seinem nunmehr halbjahrhundertlangen Wohnsitz Köln am meisten zu verdanken hat: die Schließung des Ehrenhofes des Pergamon-Museums durch einen vierten, gläsernen Bauriegel. Damit würde er in eine Reihe treten mit Alfred Messel und Ludwig Hoffmann, die das Pergamon-Museum planten, und darüber hinaus mit Schinkel, dessen Museum die Museumsinsel begründete, deren grandiosen Abschluss das imperiale Pergamon-Museum bildet.

Oswald Mathias Ungers ist kein bequemer Architekt, und auch beim Pergamon-Museum ist er für eine bequeme Lösung nicht zu haben. Der gläserne Riegel hält sich an alle Spielregeln der Geometrie, denen Ungers seit nunmehr über dreißig Jahren bedingungslos huldigt. 1926 in der Eifel geboren, hat er spät erst so richtig zu bauen begonnen. Er zählt zu jener Generation, die jung noch in den Krieg geworfen wurden, um am Ende vor dem blanken Nichts zu stehen. Seine frühe Liebe zu Mathematik und Geometrie führte ihn 1947 zum Architekturstudium nach Karlruhe bei Egon Eiermann, bei dem er nur drei Jahre darauf abschloss: Eiermann, dem Hauptvertreter eines Nachkriegs-Purismus, eines wirklichen Neubeginns; spätere Verflachungen („Eiermann-Kiste“) eingeschlossen.

Flach ist Ungers in seinem Werk nie geworden, und auch das hebt ihn aus der Masse der Architekten hinaus. Er zählt zu den Großen seiner Zunft, im Ausland anerkannter als hierzulande, wo er in den geistigen Wirrnissen der Studentenrevolte, als einer der jüngeren Professoren an der Technischen Universität Berlin lehrend, glattweg der Reaktion, wenn nicht schlimmerer Vergehen bezichtigt wurde – und alsbald für ein Jahrzehnt nach Amerika ging. Gerade sind seine Berliner Vorlesungen von 1964/65 erstmals publiziert worden, im brandneuen Heft der Zeitschrift „archplus“ (Nr. 179, Juli, 19 €), und sie zeigen einen Hang, um nicht zu sagen: einen Zwang zum Durchdenken von Positionen, die die spätere, man muss wohl sagen: Ewigkeitssehnsucht Ungers’ deutlich erkennen lassen.

Ungers ist der Systematiker unter den Architekten, und so ist er denn in seinem Werk auch stets als Rationalist bezeichnet worden, in klarer Abgrenzung von den Funktionalisten, mit denen er jahrzehntelang in produktiver Fehde lag. „Architektur, die nur funktioniert, ist trivial“, hat er dazu in seinen „Aphorismen zur Architketur“ ebenso knapp wie abfällig geäußert.

Denn von der Funktion geht Ungers nicht aus; vielmehr von ewig gültigen Gesetzen der Geometrie, die sich auf die je spezifische Bauaufgabe anwenden lassen. „Die Arbeiten von Ungers sind regelmäßige, auf einfachen Zahlenverhältnissen basierende Konzeptionen, die sich trotz aller Einfachheit nicht dem Primat von Zweck und Funktion unterwerfen“, hat der einflussreiche italienische Architekturhistoriker Francesco dal Co einmal geschrieben: „Seine Architektur, die auf jede Art von Schmuck und Dekoration verzichtet, besitzt eine Wesentlichkeit, der nichts ferner steht als das Streben nach Zerstreuung.“ Ungers hat es in dem letzten Interview, das er vor seiner jetzigen schweren Erkrankung gegeben hat, beinahe noch radikaler gesagt: „Ich wollte sehen, inwieweit Architektur in der Lage ist, abstrakt zu sein“, und spricht in diesem Zusammenhang vom „Haus ohne Eigenschaften“. Ihm geht es um die Autonomie der Architektur.

Kein Wunder, dass ihm eine derart exponierte Position Vorwürfe bis hin zu einem heimlichen Post-Faschismus eingetragen haben. Nichts dümmer als das – ungeachtet etwa der herrisch auf einem Hügel thronenden, von Vierkantpfeilern getragenen Residenz des deutschen Botschafters in Washington (1995). Natürlich sind Ungers’ gebaute Bauten nicht „ohne Eigenschaften“, auch wenn sie das erklärte Ziel, „kein Ornament, keine Details, kein Oben und kein Unten“, bisweilen erahnen lassen. Ungers hat einfach Bauten entworfen, die dauern, die die Moden überdauern, die Bestand haben und, seinen großen Vorbildern gemäß, in den Kanon der Architektur eingehen.

Vielleicht ist er darum als Museumsbaumeister hervorgetreten. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt/Main hat ihn 1984 schlagartig berühmt gemacht (und berüchtigt auch, wegen der allzu schmalen Seitentreppen). Der Neubau der Kunsthalle Hamburg (1996), von seiner Umgebung abgesetzt durch einen schrägen Sockel, ist der wohl perfekteste Würfel überhaupt und von einer geistigen und darum auch räumlichen Großzügigkeit, die aus der Disziplin des Denkens rührt. Nicht ganz so glanzvoll ist der Würfel des Wallraf-Richartz-Museums in seiner Wahlheimat Köln, wo er seit Menschengedenken in einem stillen Vorort in einem damals, Ende der Fünfzigerjahre, epochalen Haus wohnt. Mittlerweile hat er im Garten einen zweistöckigen Kubus eigens für seine legendäre Architekturbuch-Sammlung errichtet.

In Berlin ist unter dem Rubrum des Rationalismus etliches entstanden, das die Verschiedenartigkeit innerhalb des Ungersschen Rigorismus zeigt. Eine Übung in gegeneinander um ein Geringes verschobenen Volumina ist die Erweiterung des Familiengerichts am Kreuzberger Landwehrkanal (1995). Majestätisch, der Bauherrenwünsche halber vielleicht etwas zu kompakt geraten ist der „Block 205“, einer der drei ganz großen Neubauten an der Friedrichstraße aus der Boomzeit nach der Wiedervereinigung (1995). Am Messegelände Süd mit dem neuen Haupteingang (1999) erweist sich denn auch, dass der Kreis sehr wohl Platz im Vokabular der Quadrate finden kann, als gebaute Großform. Und je mehr man sich in Ungers’ Werk vertieft, desto mehr entdeckt man eine Fülle solcher Variationen, ja durchaus auch von Kompromissen. Denn etwa ein Abwasserpumpwerk – wie 1978 in Alt-Moabit – ist nun einmal kein formales Exerzitium, sondern zuallererst eine technische Aufgabe.

Ungers hat stets über das Bauen selbst hinaus über dessen Grundlagen nachgedacht. Allein schon diese Verbindung von Theorie und Praxis begründet Ungers’ Rang. Hierzulande wurden ihm die großen Bauaufgaben erst in den Neunzigerjahren zugedacht. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Und auf den Abschluss des Pergamon-Museums sind nicht nur Fachleute aufs Höchste gespannt.

1926: 12. Juli in Kaiseresch/Eifel geboren

1945/46: Wehrdienst, Kriegsgefangenschaft

1947-50: Studium an der TH Karlsruhe

1950: Eröffnung des Architekturbüros in Köln

1963: Berufung als Professor an die TU Berlin

1968: Übersiedlung in die USA, Lehrtätigkeit vor allem in Cornell

1983: Torhaus Gleisdreieck Frankfurt/Main

1986: Professor an der Akademie Düsseldorf

1991: Wettbewerb

Potsdamer Platz Berlin

1994: Familiengericht in Berlin-Kreuzberg

1995: Block 205 in der Friedrichstraße Berlin

1999: Fertigstellung der neuen Messehallen und des Südeingangs Berlin

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