Kultur : Herr der Gezeiten

Ulrich Amling

Zu einem Konzert von Günter Wand eilt man stets mit einem Gefühl hochfliegender Erwartungen, in das sich ein Quäntchen Sorge mischt, ob der große Dirigent noch immer so souverän der Last des Alters trotzt. Dann sieht man, wie die hagere, hohe Gestalt vorsichtig sie Stufen zum Pult empor geführt wird. Doch das Balancieren findet schlagartig sein Ende, wenn Wand zu Dirigieren beginnt: Da lässt die rechte Hand den Taktstock niedersausen, während die linke, an der ein mittelalterlich anmutender Ring steckt, energisch den Körper eines Bläserchorals formt. Das Schmuckstück schenkten ihm seine Kölner Musiker, als der Gürzenich-Kapellmeister in den Ruhestand ging. Das war 1974. Seitdem trägt Wand den Ring wie ein Ehrenzeichen - und begann als Pensionär eine beispiellose Alterskarriere, die ihn an seinem heutigen 90. Geburtstag Ovationen aus der ganzen Welt beschert.

Dass er dabei wieder als "letzter großer deutscher Dirigent" betitelt wird, als verehrungswürdiger Pult-Dinosaurier, wird sein Kopfschütteln ernten. Persönliche Eitelkeit betrachtet der am 7. Januar 1912 in Elberfeld (heute Wuppertal) geborene Wand als Sünde. Zwar sieht sich der rigide Probierer, der sich gerne sechs Studieneinheiten pro Konzert zusichern lässt, als Gegenbild zum beschleunigten Kunstbetrieb, doch dass es heute keine verantwortungsvollen Dirigenten mehr gebe, glaubt er nicht. Wand gratuliert den Berliner Philharmonikern zur Wahl von Simon Rattle - und geht mit legendären Taktstockgrößen hart ins Gericht.

Obwohl er Furtwängler einst bewunderte, will ihm der Jubilar nicht verzeihen, dass der große Subjektivist einst einen Beckenschlag in Anton Bruckners siebenten Symphonie mit einem Paukenwirbel effektvoll einleitete. Denn den hat der Linzer Meister nie geschrieben. Harsches Unverständnis erntet auch Bayreuth-Star Knappertsbusch, der sich bis zu seinem Tod weigerte, Bruckner nach dem Urtext zu dirigieren.

Unvorstellbar für Günter Wand, dessen heiliger Eifer es immer war, Musik getreulich nach dem Notentext zu dirigieren. Er fegte als junger Kölner Musikchef verunstaltende Retuschen aus Beethovens Symphonien und mauserte sich, je älter er wurde, immer stärker zum Anwalt des wohl am schlimmsten entstellten Großkomponisten: Anton Bruckner. In dessen gewaltigen Werken wirkt ein Geist, dem sich Wand nah fühlt. "Bruckner", sagt der Dirigent, "spricht nie von sich." Nichts Privates schmälert die reine Kunst, nichts will biografisch interpretiert werden wie beim "bis zur Hysterie gehenden" Gustav Mahler. Wands Bruckner-Sicht spielt mit der Möglichkeit, Komponist und Dirigent könnten darin überein kommen, zu Gunsten des Werks zu verschwinden. Diesem Ziel nähert er sich, gerade im hohen Alter, immer weiter an. Das mag daran liegen, dass der ständig unzufriedene Wand seiner Partiturlektüre mehr traut denn je, weniger drängt und mahnt, sich stärker auf die in der musikalischen Architektur eingeschriebenen Kräfte verlässt. Langsamer als früher noch fließt die jüngst erschiene Aufnahme der achten Symphonie (RCA), die quirlige Bäche und mächtige Flüsse hinter sich gelassen hat, um im Meer zu münden. Auch wenn das Werk nur still daliegt, spürt man seine Tiefe. Wands Tempi sind so organisch wie Ebbe und Flut, und die Berliner Philharmoniker verströmen sich für den verehrten Herrn der Gezeiten.

Das geplante Hamburger Geburtstagskonzert musste Günter Wand absagen. Ende Dezember stürzte er in seinem Haus im Berner Mittelland und brach sich den rechten Oberarm. Doch der Jubilar befindet sich auf dem Weg der Genesung. Im März will Wand wieder am Pult der Berliner Philharmoniker stehen - mit Bruckner.

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