Kultur : Herr der Ringe

PANORAMA Dokumentationen über Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent

Susanna Nieder,Grit Thönnissen

Mit Karl Lagerfeld einen Film zu drehen, muss ein Vergnügen sein: Der vermutlich bekannteste aktive Modedesigner ist gleichzeitig auch der beste Modedesigner-Darsteller, den man sich vorstellen kann. Er hat, so scheint es, sein Leben zu einer Inszenierung gemacht, an der die Öffentlichkeit teilhaben soll.

Rodolphe Marconis Film „Lagerfeld Confidentiel“ beginnt denn auch mit einer vermeintlich intimen Situation im Schlafzimmer von Lagerfelds Pariser Wohnung: wackeliger Kameraschwenk über weiße Bettwäsche, Kleiderstangen mit schmalen Anzügen, Bücherstapel. Marconi ruft in den Raum, ob er und der Kameramann eintreten dürfen? „Natürlich“, antwortet Lagerfeld, der gerade seine Habseligkeiten einsammelt, augenscheinlich für eine Reise. Auf einer Anrichte stehen zahlreiche Schüsseln, die gefüllt sind mit Silberringen, von denen Lagerfeld an jedem Finger gleich mehrere trägt. Er kreist mit seiner Hand einen Moment zärtlich über die Ringe, hält dann kurz inne, als könne er sich nicht entscheiden, und schüttet schließlich den Inhalt einer ganzen Schüssel in eine Tasche. Die Szene wirkt clownesk, wie nur für die Kamera gemacht. Die Einlage gelingt Karl Lagerfeld mühelos, so wie fast alles in diesem Film, der aus 300 Stunden Material entstand.

Man schaut Lagerfeld gern dabei zu, wie er mit Caroline von Monaco die Zeit bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung totschlägt, wie er Nicole Kidman in einem Separée auf seiner eigenen Aftershow–Party fotografiert. Und man hört sich gern die Anekdoten über seine strenge Mutter an, die in seinen Erzählungen immer wieder vorkommt. Der Zauber der Mode ist da ein Surplus – die schönen Menschen, die kostbaren Stoffe, der Luxus, all das passt gut zur Entrücktheit von Lagerfelds Welt.

Viele Szenen sind mit einer Super-8-Kamera gedreht, die Lagerfeld überallhin folgt. So sieht der Zuschauer, was Lagerfeld sieht: aufgehaltene Türen, Blitzlichtgewitter, aufgeregte Menschen, die alles für den Modeschöpfer tun. Man fühlt sich Lagerfeld sehr nah, fragt sich aber, was noch alles hinter dieser perfekten Lebensinszenierung steckt.

Auch Olivier Meyrous Dokumentation über Yves Saint Laurent, „Célébration“, zeigt einen Menschen, dessen Umgebung nur ein Ziel hat: ihm die Arbeit, ja, überhaupt die Existenz zu ermöglichen. Damit aber sind die Ähnlichkeiten zwischen Yves Saint Laurent und Lagerfeld bereits aufgezählt. Yves Saint Laurent, der sich 2002 aus dem Modegeschäft verabschiedet hat, war das Gegenteil eines Selbstdarstellers. Er gehörte zu den Menschen, die an ihrer Begabung fast zugrunde gingen. Die vierzig Jahre in der Modebranche waren ihm nur möglich, weil sein Lebensgefährte und Geschäftspartner Pierre Berger ihm den Rücken freihielt.

„Yves ist kein Träumer, sondern ein Schlafwandler auf einem Dachfirst“, erklärt Berger einer Journalistin. „Ich sorge dafür, dass er nicht plötzlich aufwacht, stolpert und stürzt.“ Er ist der Einzige, der es wagt, Yves Saint Laurent zu widersprechen. Er hält die beflissenen älteren Damen im Atelier in Schach, deren Lebensaufgabe es ist, Monsieur Saint Laurents Vorstellungen umzusetzen. Er überwacht die Organisation des Defilées, staucht die Pressefrau zusammen, hält sich im Hintergrund auf, wenn der Meister die Kollektion begutachtet. Alles ist harte, akribische Arbeit.

„Célébration“ trägt Pierre Bergers Einfluss in viel höherem Maß Rechnung als die beiden Dokumentationen über Yves Saint Laurent von David Teboul, die 2002 auf der Berlinale gezeigt wurden. „Célébration“ wurde zwischen 1998 und 2001 gedreht, und eine ganze Weile ist man irritiert über seinen fragmentarischen Charakter. Yves Saint Laurent selbst verzichtet auf jegliche Inszenierung, und ähnlich wie bei extrem sensiblen Musikern kann man es kaum ertragen, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Nervös rauchend, das Gesicht zur Grimasse verzogen, mustert er Modelle, untersucht er Stoffe. Man würde an einen dementen alten Herrn denken, wäre da nicht der Blick durch die starken Brillengläser, dem kein Detail entgeht.

Yves Saint Laurent war der letzte der großen Pariser Couturiers, wahrscheinlich der bedeutendste Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts. Am Ende des Films bedankt er sich in stockendem Englisch vor großem Publikum für eine Auszeichnung für sein Lebenswerk. Als es im Gesicht des unerschrockenen Pierre Berger zu zucken beginnt, setzen sich die Fragmente des Films plötzlich zusammen und man ahnt, welche grandiose Willensanstrengung hinter der Legende YSL steckte.

„Lagerfeld Confidentiel“: 17. 2., 17.30 Uhr (Cubix 7); „Célébration“: Heute 12 Uhr (Cinestar 7), 18.2., 17.30 Uhr (Cubix 7)

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