Kultur : Herr der Vögel

Thomas Schaefer

Noch Ende November trat Oskar Sala öffentlich auf und erzählte einem ehrfürchtigen Publikum aus seinem Leben. Ein an geistreichen Anekdoten übersprudelnder Zeitzeuge, hellwach und präsent, ein verblüffend junges Denkmal der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sala, am 18. Juli 1910 im thüringischen Greiz geboren, ging mit 19 Jahren an die Berliner Musikhochschule. Was zunächst nach einer Laufbahn als Pianist aussah, nahm eine ganz andere Richtung, als er 1930 über Paul Hindemith den Ingenieur Trautwein kennen lernte. Mit ihm entwickelte er jenes Musikinstrument, das sein Leben bestimmen und seinen Ruhm begründen sollte: das Trautonium, ein avantgardistisches elektronisches Musikinstrument, Vorläufer von Synthesizer und Keyboard, das der Musik gänzlich neue synthetische Klangdimensionen ermöglichte und die Komponisten jener Zeit faszinierte und inspirierte.

Oskar Sala arbeitete neben Hindemith mit Richard Strauss zusammen, Arnold Schönberg, Harald Genzmer, Arthur Honegger. 1938 entwickelte Sala das Konzerttrautonium, erhielt eine eigene Rundfunksendung, ging auf Tourneen, schuf Filmmusiken für die UFA. Doch Salas große Zeit kam erst nach dem Krieg: Mit dem weiter entwickelten Trautonium vertonte Sala Kultur-, Industrie- und Spielfilme. Am berühmtesten wurde seine Klangkulisse für Alfred Hitchcocks "Vögel", ein Karrierehöhepunkt, von dem Sala seither zehrte und gern erzählte.

Ausruhen war jedoch seine Sache nicht: Täglich suchte Sala sein Studio auf und bastelte an seinen unnachahmlichen Klängen. Und durfte im hohen Alter erleben, dass sich moderne Musiker wie die Gruppe Kraftwerk oder die Protagonisten der Techno-Szene auf ihn als Wegbereiter der elektronischen Musik beriefen. Am Dienstagabend ist Oskar Sala mit 91 Jahren in Berlin gestorben.

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