Kultur : Herr Johnny spielt auf

RONALD POHL

Peter Turrinis "Die Liebe in Madagaskar" in Wien uraufgeführt - Triumph für Otto SchenkVON RONALD POHLPeter Turrini schreibt Stücke, wie andere Käfige zusammenbauen; er hat ganz enorme Pratzen, denen alles, was sie angreifen, zur Kiste wird, zum blitzblanken Behältnis für die saubere Kleinmenschhaltung.In seine Pappendeckelschachteln bohrt er Löcher hinein, um seine Kleinmenschen nicht zu ersticken.An hohen Feiertagen, etwa zum jährlichen Uraufführungstermin, lüftet er dann den Deckel.Die Kleinmenschen krabbeln hin und her, und man kann sich eines warmen Gefühls für diese armen Kreaturen nicht erwehren. Aber tatsächlich laufen die Turrini-Wesen natürlich gegen Schachtelwände: Perfiderweise hat der Autor ihnen Bewußtsein eingeimpft, die traurige Gewißheit, daß es ein Leben in Freiheit gibt, eine Existenz jenseits des Guckkastens, Phantasia oder Prospero-Eiland, oder auch nur ein Zimmer in einem Vier-Sterne-Hotel in Cannes.Dann ist es aber auch schon zu spät: für ein bißchen Kleinmenschenglück in einer pompösen, von Turrini hämisch zitierten Riesenwelt.Diese sehr berührende Einsicht verdanken wir einem versoffenen, kugelrunden Kinovorführer aus Wien-Penzing.Der heißt Pepi ("Johnny") Ritter und wird im Akademietheater vom unvergleichlichen Otto ("Otti") Schenk gespielt. Von allen Kleinmenschen des Peter Turrini ist dieser Johnny der seltsamste; ein wanstiges Etwas, dessen Plattfüße in zwei Richtungen davongehen, kaum daß sich dieses liebe Tier, aus Teigwülsten und Saurierknochen merkwürdig komponiert, in Bewegung setzt.Das Stück (und damit die Schachtel) heißt "Die Liebe in Madagaskar".Es erzählt von einem absurden Brief, den Klaus Kinski an seinen Jugendfreund "Johnny" schreibt mit der Bitte, für ein erfundenes Filmprojekt Geld aufzutreiben - in Cannes, an der "Croisette".Das ist mutwillig lächerlich und drängt den Kleinmenschen "Johnny" an den Rand des Wahnsinns.Vor allem aber klatscht das Kleintier an die Schachtelwand. Schenk, der zu Anfang von Matthias Hartmanns Inszenierung im Kassenhäuschen seines Vorstadtkinos apathisch dasitzt, schluckt Tränen herunter.Klein gehaltene Menschen sind traurig.Kleine Menschen wollen aber auch nicht mehr in die Welt hinaus.Sie haben bloß alles satt. Johnny spielt auf: Schenk läßt das Gefuchtel bleiben.Johnny hätte das Zeug, das eine, entscheidende Sehnsuchtswort auszusprechen.Dann fielen die Pappkartonschachtelwände auseinander, und Schenk, der schwitzt und leidet und grandios ist wie nur je seit seiner genialen "Geizigen"-Darstellung im Josefstadt-Theater, würde kerzengerade dastehen, die Arme auseinanderbreiten und, vielleicht, davonfliegen.So aber wird er, nachdem wir über Wolfgang Gasser als Mafiosi-"Don" im Smoking-Rüschenhemd gestaunt haben, von einer Hannoveraner Versicherungskassiererin im Hotelzimmer heimgesucht.Kirsten Dene singt rund um das rettende Weinglas nun leider nur ihre bekannte Arie, eine Mischung aus Lucia di Lammermoor und, rechtzeitig vor Ostern, Gluckhennentum. Schenk wird immer kreidebleicher.Die Edward-Hopper-Prospekte von Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild suggerieren unendliche Weiten.Turrini - und mit ihm der treuherzig den Text nachstellende Regisseur - haben die Kleinmenschen noch einmal vorgeführt! Deckel drauf.Johnny schreit in seinem Breitenseer Kino noch einmal: Tarzan sucht Jane.Kinski ist tot.Johnny spielt ein letztes Mal auf - grandioser kann man als Kleinmensch nicht scheitern.

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