Kultur : "Herr Kolpert": Vier Jahreszeiten ohne Ei

Meike Matthes

Klar, auch früher haben wir mitunter lachen dürfen in diesem ehrwürdigen Haus. Wenn uns Klaus-Michael Grüber gewissenhaft einweihte in das Zeremoniell der metaphysisch überglänzten Albernheit bei Labiche (" Die Affaire Rue de Lourcine") oder Luc Bondy für uns das Psycho-Slapstick-Potenzial des Neurosenzüchters Botho Strauß ausschöpfte ("Die Zeit und das Zimmer"), dann empfanden wir stets, hingegeben an die Transzendenz der Klamotte, die Weihen des höheren Blödsinns. Aber ja: Unser Lachen hatte Niveau.

Nun aber dieses: Eine partymäßig aufgebrezelte Frau, die, von ihrem cholerischen Mann zusammengeschlagen, den Couchtisch umreißt und auf dem mit Tiramisu verschmadderten Flokatiteppich ohnmächtig liegen bleibt; ein kaltschnäuziger Kahlkopf, der nach der äußerst unmissverständlichen Mitteilung "Ich geh mal eben pissen" beim Verlassen des Badezimmers noch einmal demonstrativ das hierfür zuständige Organ schüttelt; ein nervlich zerrütteter Pizzabote, der mit Inbrunst auf eine eindrucksvoll verstümmelte Leiche kotzt; ein edelholzgetäfeltes Penthouse, das sich im Verlauf von 1OO verheerend turbulenten Theaterminuten in einen von allerlei Körperflüssigkeiten durchtränkten Augiasstall verwandelt. Und das Schlimmste : Wir, die wir doch eher verzärtelte Gemüter sind, finden diese Schweinerei auch noch saukomisch, obwohl sie uns weder Belehrung noch Erleuchtung, sondern nur schamlos gute Unterhaltung zuteil werden lässt.

Man hat der neuen Schaubühne vorgeworfen, dass sie allzu verbissen den Ernstfall probt und zwanghaft im Trüben fischt, dass sie in ihrem Dauereinsatz für die Entrechteten und Geknechteten allenfalls Galgenhumor produziert. Diese Stimmen werden jetzt abrupt verstummen. Denn David Gieselmanns Hardcore-Humoreske "Herr Kolpert" (bei der Uraufführung im Londoner Royal Court Theatre umjubelt) ist nicht nur die erste wahre, keinerlei Alibi-Zwecken dienstbare Komödie unter Thomas Ostermeiers Intendanz, sondern auch genau das, was die Schaubühne jetzt brauchen kann: eine Hirnentkrampfungs-Übung, eine Freispielmöglichkeit. Und, den beschriebenen Widerwärtigkeiten zum Trotz, vermutlich auch ein Publikumserfolg.

Dabei deutet zunächst nichts darauf hin, dass dies ein irgendwie bemerkenswerter Abend werden könnte: Sarah (Julika Jenkins), eine strahlend-kaltlächelnde Versandhausangestellte, und der smarte Chaosforscher Ralf (Tilo Werner) haben das arrangiert, was Martha und George, Edward Albees einfallsreiche Ehekrüppel, eine "Gästefalle" nannten. In diesem Fall sind die potenziellen Opfer Edith (Stephanie Eidt), ein verhuschter Möchtegern-Vamp, und der Architekt Bastian (Lars Eidinger), der schon die Frage, was er trinken möchte, als Angriff auf seine Abstinenzler-Ehre wertet. Seine verschärfte Kränkungsanfälligkeit sorgt bereits in den ersten Gesprächsminuten für einen jener plötzlichen Stimmungsumbrüche und Stilwechsel, die für Gieselmanns Stück typisch sind. Kaum hat man sich eingerichtet in der doppelzüngigen Konversations-Komödie mit ungewissem Tiefgang, beginnt anlässlich der in abstrusen Konfusionen schwelgenden Pizza-Bestellung (42 mit doppelt Thunfisch, 26 ohne Paprika, die Vier-Jahreszeiten ohne Ei und die Bolognese mit Knoblauch - oder wie?) eine Farce über den alltäglichen Wahnsinn zwischen Fast Food und Small Talk. Kaum hat der ebenso talentierte wie strapazierfähige Pizzabote (Roland Kukulies) seine kleine Solo-Performance mit Tanz, Gesang und Knallfröschen beendet, stürzt sich das übrige Personal in eine akribische Rundumschlägerei, bei der kein Auge trocken bleibt.

Die Frage, um die sich alles schwindlig dreht - Lebt Herr Kolpert, dieser kassenbebrillte Verwaltungslangweiler, und wenn nicht, wo steckt dann seine Leiche? - wird spät, aber ziemlich spektakulär beantwortet. Dann aber ist längst die Hölle los in dieser anfangs so sterilen, neureichen Doppelverdienerwelt. Aus dem künstlichen Geplauder entwickelt sich organisch ein rustikales Gemetzel: Ayckbourn meets Tarantino, und aus gelangweilten Kleinbürgern werden Natural Born Killers. Die beiden Regisseure, der Autor Marius von Mayenburg und der Regieassistent Wulf Twiehaus, versteifen sich nicht auf die dem Stück innewohnende Botschaft - Gewalt als Ventil von Überdruss, Chaos als Sucht der Aufgeräumten - sondern konzentrieren sich ganz auf Gieselmanns Handwerkskünste, seine Überraschungsdramaturgie, sein souveränes Spiel mit den Genres. Unterstützt werden sie dabei von einer patenten fünfköpfigen Jazz-Band, die auch auf Zuruf arbeitet, um die präzise amoklaufenden Schauspielern musikalisch adäquat zu unterstützen. Alles funktioniert, und zwar so prächtig, dass die Fragen nach Sinn und Zweck sich nicht mehr stellen. Gieselmanns Komik macht sich keinen Kopf, wozu sie gut ist. Sie ist, was sie ist, also böse.

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