Kultur : Herr Kornmehl und seine Freunde

Eine Wiener Ausstellung sucht „Freuds verschwundene Nachbarn“

Paul Kreiner

Berggasse 19. Ein trutziges Wiener Mietshaus von 1889, mit bleiweißer Fassade und Renaissance-Anklängen. Hier wohnte und praktizierte Sigmund Freud, 39 Jahre lang; hier ist die Weihestätte der Psychoanalyse. Im Juni 1938, knapp drei Monate, nachdem Hitler Österreich dem deutschen Reich einverleibt hatte, emigrierte Freud mit seiner Familie nach London. Dabei hatte er es noch besser als die anderen 180000 Juden Wiens: Da Freud eine internationale Berühmtheit war, durfte er Bibliothek, Antikensammlung und Möbel mitnehmen, und die Nazis setzten die „Reichsfluchtsteuer“ auf lediglich ein Drittel seines Vermögens fest, auf 31329 Reichsmark. Die meisten Juden verloren ihr ganzes Hab und Gut, und 65000 ihr Leben.

Ihnen, „Freuds verschwundenen Nachbarn“, widmet sich nun eine Ausstellung am Originalschauplatz. Sie reduziert die Überfülle der Schicksale auf ein Format, das die Besucher nicht überfordert, und macht sie lebendig mit persönlichen Dokumenten aus den Wohnungen der Berggasse 19. Was Lydia Marinelli, die Historikerin des Sigmund-Freud-Museums, gesammelt hat, sind wenige Namen, die gleichwohl für das Schicksal Hunderttausender stehen .

Da betrieb im Erdgeschoss des Hauses Siegmund Kornmehl seine Fleischhauerei. Er belieferte Wiens jüdische Pflegeanstalten. Als die Nazis allen Juden die Ausübung eines Gewerbes verboten, verlor Kornmehl seinen Betrieb, seine drei Häuser, sein Vermögen. Und als seine Witwe – Kornmehl starb 1942 in Tel Aviv – nach dem Krieg ihr Eigentum wieder haben wollte, musste sie es zurückkaufen: Die Nazis hatten die Häuser nicht geraubt, sondern der Form nach bezahlt.

Dass die Juden das Geld nie erhalten hatten, weil es auf Sperrkonten lag und durch willkürliche Steuern minimiert worden war, hinderte die Wiener Stadtregierung nach 1945 nicht, die Enteignung als Kauf einzustufen. Ein Recht auf Restitution konnte es also nicht geben. Die Wiener Ausstellung macht nicht Halt bei der Deportation jener 91 Juden, die man nach Freuds und Kornmehls Emigration in den „Sammelwohnungen“ der Berggasse 19 zusammengepfercht hatte. Sie hört auch nicht 1995 auf, mit dem Nationalfonds, den die Republik Österreich zugunsten bis dahin hingehaltener NS-Opfer einrichtete. Sie geht bis ins Jahr 2001, als man erstmals auch entzogene Mietrechte von einst – 65000 Wohnungen waren „entjudet“ worden – teilweise zu entschädigen begann.

Unter Freuds Mitbewohnern von einst findet sich auch die Anwaltsgattin Stefanie Mathias, deren Kochbücher zu den Standardwerken der Wiener Küche zählen. Sie starb 1941 in Wien, ihr Mann 1943 in Theresienstadt. Es gab den Textilkaufmann Hauser, den Obsthändler Humburger, den Versicherungsdirektor John, alle mit Familie, alle in der Berggasse 19, Tür an Tür mit „Ariern“.

Die Schau beschränkt sich auf Schriftstücke: Formulare, Dokumente, Briefe. Lydia Marinelli sagt, Fotos würden nur den voyeuristischen Blick befriedigen und „Aufmerksamkeit von den Akten abziehen“. Übrigens: 2006 feiert Wien ein Mozart- und ein Freud-Jahr,denn 150. oder 250. Geburtstage lassen sich halt nicht verlegen. Bis 2006 auch will das Freud-Museum auf die ganze Berggasse 19 ausgreifen, die letzten Mieter sollen bis dahin ausgezogen sein. So ist es wohl: Weihestätte und Menschen, „auratische Aufgeladenheit und banale Wohnsituation“ (Marinelli) vertragen sich nicht. Hierzu würde man gerne den Analytiker Freud befragen.

Sigmund-Freud-Museum, Berggasse 19, A-1090 Wien. Täglich bis 28.9.2003. Tel: 00431-3191596, www.freud-museum.at

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