Kultur : Herr Taschenbier bittet zum Interview

Kerstin Decker

Wem würde er mehr gleichen, Herrn Taschenbier oder dem Sams? Erfunden hat er sie alle beide - den leisen, melancholischen Herrn Taschenbier, den seine Vermieterin, wenn sie schlechte Laune hat, immer Herr Flaschenbier nennt, und das Sams auch. Ja, "erfunden" ist richtig. Erfinder sind meist unauffällige, bescheidene Mitbürger, die sich etwas ausdenken, an das noch nie jemand gedacht hat, aber nachher kann sich keiner mehr vorstellen, wie das Leben vorher war. Das war bei der Glühbirne so, das ist beim Sams so. Kein Mensch hat vor Paul Maar an Samse gedacht. Samse haben abstehende rote Haare, eine Rüsselnase, blaue Wunsch-Punkte im Gesicht und suchen sich am liebsten Menschen aus wie Herrn Taschenbier, zu dem sie "Papa" sagen und bei dem sie dann für immer bleiben.

Andererseits, wie schon bei Fahrrad und Glühbirne, war auch das Auftreten von Samsen irgendwie gesetzmäßig. Am Montag kam her Mon zu Besuch - so beginnt das erste Sams-Buch von Paul Maar und jetzt der erste Sams-Film; am Dienstag hatte Herr Taschenbier wie immer Dienst, am Mittwoch war Mitte der Woche, am Donnerstag donnerte es, am Freitag bekam Herr Taschenbier überraschend frei, und am Samstag? Die Erkenntnis von Samsen ist also eine Sache strenger Logik, und Paul Maar war nur der erste Sams-Logiker.

Erfinder sind meistens ein bisschen eigensinnig. Vor allem können sie es nicht leiden, wenn jemand ihre Erfindung noch mal erfinden will. Vom Erfinder des Fahrrads ist dieser Missmut gut bekannt. Einen Film über ein Buch zu drehen, heißt aber auch, etwas schon Erfundenes noch einmal neu zu erfinden. Warum hat Paul Maar ja gesagt?

Der Sams-Erfinder sitzt im Berliner Hotel "Vier Jahreszeiten", muss den ganzen Tag mit Journalisten reden - und sieht nun doch sehr wie Herr Taschenbier aus. Logisch, kein Sams der Welt würde einen ganzen Tag lang Interviews geben. Und schon gar nicht in dieser postmodern-nachbarock-neoklassischen Hotelsuite. Samse sind nicht postmodern-nachbarock-neoklassisch, Samse sind Anarchisten, Agenten verdrängter Kindheiten. Paul Maar-Taschenbier, im echten Leben 63 Jahre alt, hat keinen einzigen Wunschpunkt im Gesicht, er kann hier also nicht weg. Er lächelt, wie Herr Taschenbier lächeln würde. Es ist ein Da-kann-man-nichts-machen-Lächeln.

Hat er sich etwa so zum Film überreden lassen? Plötzlich hat Herr Maar-Taschenbier ein richtiges Sams-Blitzen in den Augen: 24 Produzenten waren schon bei ihm. 24 Produzenten hat er wieder nach Hause geschickt. Zuerst schickte er die nach Hause, die, yeah, this great "Sääms" verfilmen wollten. Die kannten, schloss messerscharf der Kinderbuchautor und Theaterstückeschreiber, weder Herrn Taschenbier noch das Sams. Die kannten nur eine Zahl - drei Millionen Auflage. Und ein Gebot: Daraus muss ein Film werden!

Als Nächstes schickte Maar alle weg, die im Sams eine lustige Zeichentrickfigur erblickten. Sehen Sie, sagt er, wenn Herr Taschenbier, der das Sams doch immer loswerden wollte, es dann doch in die Arme nimmt, dann ist das eine hochemotionale Situation. Und mit einer Trickfigur wäre sie verschenkt.

Es gibt nur eine Sache auf der Welt, gegen die auch richtige Erfinder wehrlos sind: das Verstandenwerden. Wenn sie jemandem begegnen, der redet, als hätte er das Sams selbst erfunden. Das war der 25. Filmproduzent, Ulrich Limmer. Paul Maar beschloss ihn trotzdem zu testen: Wer ist für Sie die Hauptfigur?, fragte er heimtückisch. - Herr Taschenbier!, antwortete ohne Zögern der Produzent. Und für Sie? - Herr Taschenbier!, antwortete Paul Maar. Da waren beide sehr zufrieden mit sich und dem anderen.

Das Sams als Mitte - es wäre eine Aneinanderreihung lustiger Einfälle geworden. Es ist aber ein Entwicklungsdrama. Maar weiß das. Als er anfing zu schreiben, war er doch selber ein Herr Taschenbier. Seine Mutter starb früh; er musste oft umziehen als Kind; er fühlte sich als Außenseiter. Aus der vielen Post, die er bekommt, weiß er, dass es auch heute viele Herr-Taschenbier-Kinder gibt, denen die Welt viel zu klein vorkommt.

Die Oberverkleinerin von Herrn Taschenbiers Welt ist Frau Rotkohl, wahlweise auch Frau Rosenkohl genannt. - Herr Maar, hatten Sie mal eine böse Vermieterin? - Hatte ich, antwortet Maar, nur hieß Frau Rotkohl in Wirklichkeit Frau Rokoll und hat meinen Kindern verboten, auf dem Hof zu spielen. Das war in Stuttgart, als Paul Maar noch Malerei und Kunstgeschichte studierte und bei Frau Rokoll im fünften Stock wohnte. Seltsam ist, dass es den Frau-Rokoll-Rotkohl-Rosenkohl-Typus schon fast nicht mehr gibt, man ihn aber trotzdem sofort versteht.

Erfinder müssen vorsichtig sein. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist daher das Patente-Anmelden. Paul Maar schloss mit dem Produzenten einen Vertrag, wie jeder ihn mit dem Leben abschließen sollte: Es passiert grundsätzlich nur, was ich will! Schauspieler, Regisseur (Ben Verbong) - alles genehmigungspflichtig. Das Drehbuch schrieb Maar selbst.

Limmer fand das so logisch wie das Auftreten des Samses an Samstagen - und half nur ein wenig beim Schreiben. Paul Maar erfuhr auch, dass nicht nur Samse Wunschpunkte haben. Und wünschte sich Ulrich Noethen als Taschenbier. Und weil Limmer Maars Heimatstadt Bamberg so schön fand, wurde der Film zum Sams - der so gut ist, wie ein Film zum Sams nur sein kann -, auch gleich in Bamberg gedreht.

Nur manches musste Paul Maar für den Film etwas umerfinden. Zum Beispiel Herrn Taschenbiers Arbeit. Alles im Kopf nachrechnen, was sein Chef, Herr Oberstein, schon mit dem Taschenrechner vorgerechnet hatte - das genügt doch nicht fürs Kino. Also war Herr Taschenbier ab sofort oberster Regenschirmkonstrukteur in Herrn Obersteins Regenschirmfabrik.

Jedes Modell, das Herr Taschenbier sich ausdenkt, egal ob den Mini-Mini-Schirm oder den extrabreiten Schirm für Paare, muss Herr Taschenbier selbst in Obersteins Regen-Sturm-Orkan-Kammer testen. Auch so einen Herrn Oberstein übrigens kennt Paul Maar wirklich. Aber den darf er nun wirklich nicht verraten.

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