Kultur : Herr über Stützen, Glas und Kuppeln

BERNHARD SCHULZ

Die gläserne Kuppel auf dem runderneuerten Reichstagsgebäude ist zum Symbol der "Berliner Republik" geworden. Selbst Optimisten erahnten wohl kaum die Popularität, die der von jedermann zu betretende Ausguck dem Reichstagsgebäude beschert. Die Glaskuppel ist der Geniestreich beim Umbaukonzept von Norman Foster. Der 63jährige Weltstar der Architektengilde hatte bekanntlich beim Wettbewerb zur Herrichtung des Reichstags-Torsos einen ganz anderen Vorschlag gemacht, zeigte sich aber geschmeidig, als der Bauherr zwar einen historischen Wiederaufbau ablehnte, gleichwohl nicht von der Kuppel lassen mochte. Foster zeichnete, was der Bundestag insgeheim wünschte: die Kuppel im zeitgemäßen Transparent-Design.

Kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes, als die Bürger dieser Berliner Republik den ihnen zugänglichen Teil von Dachterrasse und Kuppel zu stürmen begannen, gab die Hyatt Foundation die Verleihung ihres diesjährigen Pritzker-Preises an Foster bekannt. Man hätte es ahnen können. Und daß die Hyatt-Stiftung, die den von ihr vor 21 Jahren ins Leben gerufenen Preis durch untadelige Jurys und unanfechtbare Nominierungen binnen kürzester Zeit zum "Nobelpreis der Architektur" hat aufsteigen sehen, Berlin zum Ort der Preisverleihung bestimmen würde, erschien nur folgerichtig. Am heutigen Montagabend wird der Preis "für das Lebenswerk eines lebenden Architekten" in der ehrfurchtgebietenden Rotunde von Schinkels Altem Museum verliehen, bevor es zum Gala-Dinner ins Grand Hyatt Hotel geht - von einem früheren Preisträger, dem Spanier Rafael Moneo, entworfen, und mit Blick auf die Gebäude des Vorjahressiegers, Renzo Piano. Name dropping zum wechselseitigen Nutzen.

Der Preis selbst übrigens ist mit 100 000 Dollar mehr als bescheiden dotiert, hält man sich die Summen vor Augen, die Architekten heutzutage an Baukosten wie auch an fälligen Honoraren gewohnt sind. Der Aufwand für die beeindruckende PR-Arbeit des Auslobers dürfte, gelinde gesagt, ein Vielfaches betragen.

Architektur hat die in Chicago ansässige Pritzker-Familie - wie die Medienbroschüre mitteilt - aufgrund ihrer Verknüpfung mit der "Entwicklung von Hyatt-Hotels rund um den Globus" gewählt - sprich dem Aufbau der weltweiten Kette von Luxushotels. So findet das Nützliche zum Edlen. Die Liste der bisher 22 Preisträger - neben anderen Philip Johnson, James Stirling, Hans Hollein, Frank Gehry, Aldo Rossi und im Vorjahr Renzo Piano - läßt keinen der bekannten Namen aus, bietet aber umgekehrt bis auf den Norweger Sverre Fehn auch keine Überraschung. Treffsicher waren bislang die Verleihungsorte gewählt, wobei sich neben dem Schloß von Versailles oder zuletzt gar dem Weißen Haus in Washington Schinkels Altes Museum geradezu intim ausnimmt.

Sir Norman, wie der 1990 geadelte Architekt im Vereinigten Königreich anzureden ist, stellt den Prototypen des global tätigen Baumeisters dar, der für jeden Ort, für jede Aufgabe und Schwierigkeit eine Lösung parat hat. Fosters Bauten sind signature buildings: Gebäude, die die Handschrift ihres Architekten verraten, zum eigenen und des Bauherrn Ruhm; bei Foster aber alles andere als aufdringlich, sondern wie das dezente Label im Inneren eines guten Anzugs. Fosters Metier ist die High Tech-Architektur - kaum ein Projekt, das nicht durch ausgeklügelte technische Konzepte glänzte, wobei es sich, wie beim Reichstag und seiner Energieversorgung, durchaus um "unsichtbare" Infrastruktur handeln kann. Zugleich hat Foster die aus dem 19. Jahrhundert stammende Trennung des Architekten vom Ingenieur glanzvoll aufgehoben. Seine Bauten machen deutlich, daß es diese Aufteilung, der die Trennung von Konstruktion und Fassade entspricht, heute nicht mehr geben kann. Der ingenieurtechnische Aufwand, der für solche Gebäude wie den 1997 fertiggestellten Sitz der Commerzbank in Frankfurt am Main zu treiben ist, übersteigt das Können eines herkömmlichen Baumeisters bei weitem, läßt sich aber umgekehrt nicht mehr vom Ingenieurbüro einem vorgegebenen Entwurf hinzufügen wie ein Heizkörper oder Waschbecken. So spielte bei der Vergabe des Reichstags-Auftrags an Foster dessen bestechendes Energiekonzept eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Foster ist nicht der einzige als Beherrscher der Technik brillierende Entwerfer unserer Tage. Richard Rogers - mit dem er zu Beginn seiner Laufbahn zusammenarbeitete - wäre zu nennen, dessen kurzzeitiger Partner Renzo Piano und aus Deutschland das Hamburger (Groß-)Büro von Gerkan, Marg und Partner. Der 1935 gebürtige Engländer hat sich bereits früh schon auf technisch anspruchsvolle Aufgaben konzentriert. Nach dem Studium in seiner Heimatstadt Manchester sowie im amerikanischen Yale ging er für kurze Zeit eine Partnerschaft mit Richard Rogers ein, dem Generationsgenossen unter den britischen High Tech-Architekten. Seit 1967 selbständig, machte er sich mit Leichtbauten aus standardisierten Metallteilen einen Namen. Es entstanden Industriebauten, ein Fährterminal und das wie eine Messehalle anmutende Kunstzentrum in Norwich, ehe ihm der Auftrag für den Bau der Hongkong & Shanghai Banking Corporation in der damaligen Kronkolonie den Durchbruch zu Weltruhm brachte. Das aufwendig konstruierte Gebäude zeigte erstmals das Prinzip der um ein haushohes Atrium angeordneten und in das sichtbare Tragegerüst eingehängten Büroflächen. Parallel zu dem 1986 fertiggestellten 41stöckigen Hochhaus entstand der Londoner Flughafen Stansted, dessen Terminal mit seinen leichtgewichtigen, schirmartigen Stützen zahlreiche Nachahmer gefunden hat.

Das 1992 fertiggestellte Kulturzentrum im südfranzösischen Nîmes antwortet im Maßstab auf den gegenüberliegenden römischen Tempel "Maison Carrée", eines der Wahrzeichen der Stadt, und bezeugt in dem sensiblen Umgang mit historischer Substanz eine neue Dimension in Fosters Werk. Vergleichbar subtile Zubauten gelangen ihm bei der äußerlich geringfügigen, aber enorm raumgewinnenden Erweiterung der Royal Academy in London. Aus der umfänglichen Tätigkeit der in zahlreichen Ländern mit Dependancen vertretenen Architekturfirma Foster Associates beispielhaft herausgegriffen seien die neuangelegte U-Bahn im spanischen Bilbao, der "Jahrhundertturm" in Tokyo und der Flughafen von Hongkong. Daß Foster mit dem Vorhaben des Umbaus des British Museum betraut wurde, wo er den historischen Lesesaal mit einem filigranen Glasdach umgeben will, liegt auf der Linie seines Reichstags-Projekts.

Hier wie dort zeigt Foster, daß die Adaption von historischer Bausubstanz an gegenwärtige Zwecke nur gelingt, wo sich Selbstbewußtsein mit Respekt und technischem Können verbinden. Vor Fosters Bauten wird dem Betrachter einsichtig, warum der englischsprachigen Kritik zuallererst ein Adjektiv zu seiner Arbeit einfällt: brilliant. Ab heute gilt auch: pritzkerpreiswürdig.

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