Kultur : Herren der Ringe

Heute eröffnet Carlier Gebauer in Berlin eine Ausstellung mit Werken von Tuymans und Beckett

Knut Ebeling

Einer der erstaunlichsten Neuzugänge in die Champions League des internationalen Ausstellungsbetriebs ist Luc Tuymans. Der belgische Maler der neuen Ernsthaftigkeit hat es innerhalb weniger Jahren in allen Formaten des Kunstbetriebs zum Durchbruch gebracht. Seine schwerblütige Gedächtniskunst ist bei den Theoretikern ebenso beliebt wie bei den Sammlern, er ist früh von Museen gezeigt worden und war auf der letzten Documenta sowie in Venedig zu sehen.

In Berlin ist der Antwerpener Maler vor allem durch seine Ausstellung 2001 im Hamburger Bahnhof noch bestens im Gedächtnis. Derzeit teilt er sich in der Flick-Collection mit Bruce Nauman das geräumige Untergeschoss der Rieck-Hallen. Ein weiterer Tuymans-Coup im gleichen Haus scheint allerdings geplatzt zu sein. Vor zwei Jahren hatte Heiner Bastian in seiner Funktion als Kurator der im Hamburger Bahnhof untergebrachten Sammlung Marx einen preziösen Tuymans-Zyklus erworben – der offenbar im Depot versandet ist. Nicht zuletzt der Maler selbst würde sich freuen, wenn diese Bilder einmal in dem Museum zu sehen sein würden, an das er seine Bilder verkauft zu haben glaubte.

Doch Tuymans geriet nicht nur wegen der Sammlerkonkurrenz um seine Arbeiten ins Gerede. Auch ästhetische Bedenken mehrten sich gegenüber einer Malerei, die stets mehr zu bedeuten schien als tatsächlich zu sehen war. Zuletzt boten die Retrospektive in der Londoner Tate Modern und ein in diesen Tagen zu Ende gehender Werküberblick im Düsseldorfer K 21 Anlass, die Position Tuymans noch einmal zu überprüfen.

Zündstoff gab es also bereits vor Tuymans Berliner Galerieausstellung. Dass die Latte nicht eben niedrig hing, dazu trug auch die Konstellation bei, in der Tuymans bei Carlier Gebauer gezeigt wird: Im zweiten S-Bahn-Bogen der Galerie ist eine Videoarbeit von Samuel Beckett zu sehen. So werden Klassiker der Moderne produziert. Und die Rechnung geht auf, schließlich wird Tuymans inzwischen in einem Atemzug mit Gerhard Richter oder Andy Warhol genannt. Wobei das Prinzip der prestigeträchtigen Nachbarschaft, das schon im Hamburger Bahnhof mit dem Doppel Tuymans/Nauman für Klassikeraura sorgt, reizvoll ist, scheinen sich hier doch Brüder im Geiste zu treffen. Für Becketts tragische Absurdität hatte jene Spaßgesellschaft nie begonnen, die von Tuymans Pathosformeln nach 1989 mit Pauken und Trompeten verabschiedet wurde.

Von Beckett wird eine der seltenen Filmarbeiten gezeigt, die den Autor als Pionier der Videokunst ausweist. Der 1966 gemeinsam mit Marin Karmitz produzierte Film „Comédie“ wurde in Frankreich vor wenigen Jahren wieder entdeckt und auf der letzten Biennale in Venedig gezeigt. Dort lief der Film 30 Jahre vorher bereits auf dem Filmfestival – und wurde gnadenlos verrissen. Aus heutiger Sicht ist es kein Wunder, dass man die schnelle Schnitttechnik damals nicht goutieren konnte, war „Comédie“ mit seinen zerhäckselten Bildsequenzen und den verschachtelten Dada-Dialogen doch seiner Zeit weit voraus. Während die radikale Ästhetisierung von Bild und Ton mittlerweile zum fait accompli der Videokunst gehört, verzerrten Beckett und Karmitz die Sprache bereits in den Sechzigerjahren bis zur Abstraktion.

Nichts wäre leichter, als den Bogen von einem S-Bahn-Bogen zum nächsten zu spannen. Zumal die Inszenierung von Tuymans im benachbarten Tonnengewölbe dem Klassiker nebenan in nichts nachsteht. Wer geglaubt hatte, der Belgier würde bei seiner Berliner Stippvisite einfach ein paar weitere Bilder in den Kunstmarkt einspeisen, wird von der konzeptionellen Dichte überrascht. Und wer geargwöhnt hatte, die enorme Bedeutungsaufladung dieser Bilder hätte nichts mit deren malerischer Qualität zu tun, muss noch einmal genauer hinschauen. Nur weil Bilder für unsere Zeit wie gemacht erscheinen, müssen sie noch lange nicht modisch sein.

Als wolle er seine Kritiker mit einer Geste zum Schweigen bringen, pinselte der Maler in nur zwei Tagen ein Wandgemälde an eine gigantische Stellwand. Die über 30 Quadratmeter große Fläche vis-à-vis der Spree spricht nicht nur zum Fluss, sondern auch mit dem Rezipientenstrom, sie reiht sich ein in ein Gespräch über Bildlichkeit und Bedrohung, das in Berlin so punktgenau noch nicht zu sehen war.

Tuymans zeigt bei Carlier Gebauer einen Zyklus aus fünf Bildern mit dem Titel „Cinq Anneaux“ (Fünf Ringe). Einmal mehr handelt es sich um Abmalungen realer Vorlagen – wie beispielsweise eines Ornaments aus fünf Ringen in einer Antwerpener Kneipe (250000 Euro). Doch während die älteren Zyklen oftmals durch Anspielungen und direkte Verweise einen dokumentarischen und zugleich politischen Kontext herstellten, entzieht sich Tuymans diesmal noch stärker als bisher jeder direkten Deutung. Das Thema des Zyklus ist weniger offensichtlich als zuvor, und auch die Vernetzung der Bilder untereinander ist eher assoziativ. Die fünf Ringe ergeben eine undurchschaubare Sequenz, deren einzelne Glieder sich zu einem „offensichtlichen Geheimnis“ verschränken.

Tuymans bedient sich der verschwörerhaften Geste nicht ohne Grund. Das Thema der „Fünf Ringe“ ist Religiösität – und die von ihr ausgehende Bedrohung. Genau gegenüber von „The Worshipper“ (350000 Euro), einem lebensgroßen Betenden, dessen Gewand mystisch und sakral wirkt, hängt „Dusk“ (420000 Euro) – die Skyline der Brüsseler Belgacom-Towers im idyllischen Abendlicht: zwei noch stehende, aber einer lauernden Bedrohung ausgesetzte Twin Towers. Das innige Gebet steht dem global operierenden Telekommunikationsdienstleister schweigend gegenüber. Vielleicht auch trauernd.

Die Verkettung der fünf ringenden Bilder bleibt bei allem Pathos noch erträglich, weil das monumentale Wandgemälde durch die durchaus plakative Gegenüberstellung zweier Gemälde im Lot gehalten wird. Das Motiv des Freskos könnte schlichter kaum sein. Es zeigt zwei Teig knetende Hände – ein alltägliches Ritual, welches das religiöse Thema als banale Handlung ausbuchstabiert. Durch die enorme Vergrößerung kippt das blassfarbene Detail im Tonnengewölbe in sakrale Abstraktion. Doch anstatt diese Geste einfach unter Defiguration zu verbuchen, wie es im Kunstkontext gewöhnlich geschieht, eröffnet sich in der Kapelle an der Jannowitzbrücke plötzlich eine andere Lesart. Hier wird dem religiösen Fanatismus weder die säkularisierte Telekommunikationsmoderne noch eine neue Christenregression entgegengehalten. Tuymans bietet stattdessen gegen die fanatische Zerstörung die unberingten Hände der Malerei auf.

Carlier Gebauer, Holzmarktstraße 15–18, Bogen 51/52, bis 26. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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