Kultur : "Herrliche Künste und Manufacturen": Kriege führen, spazieren gehen

Katrin Bettina Müller

Was machen bloß die vielen Chinesen in Preußen? Sie tanzen und trinken Tee. Man sieht entschieden mehr Chinesen unter Baldachinen durch Gärten spazieren als Einwohner Preußens in der Ausstellung "Herrliche Künste und Manufacturen", die im Knobelsdorff-Flügel des Schlosses Charlottenburg Fayence, Glas und Tapisserien aus der Frühzeit Brandenburgs und Preußens (1680 - 1720) vorstellt. Das liegt an der Vorliebe der Berliner Fayencemaler, ihren Vorbildern aus Delft so zum Verwechseln ähnlich zu sehen, dass eine genaue Angabe der Herkunft den Forschern bis heute den Schweiß auf die Stirn treibt. In Delft wiederum stellten die Handelsbeziehungen zum Fernen Osten ein wesentliches Kapital für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes dar und die holländische Keramik imitierte das chinesische Porzellan. Dass die Importwaren aus Ostasien eigens für den europäischen Markt gefertigt waren und chinesische Motive auf europäische Prunkgefäße setzten, die in ihrer repräsentativen Funktion der dargestellten Teezeremonie ziemlich fern standen, sei nur nebenbei bemerkt.

Preußen jedenfalls, das zeigt die Geschichte seines Kunstgewerbes, begann als ein Einwanderungsland. Nach den Verwüstungen des 30-jährigen Krieges blieb dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm gar nichts anderes übrig, um sein armes Land wirtschaftlich und kulturell wieder zu beleben. Die Spezialisten für Keramik wurden aus Holland angeworben, Teppichwirker aus Frankreich waren für die Darstellung der siegreichen Schlachten des Kurfürsten zuständig. Die Glasschneider, die Pokale mit Portraits der kurfürstlichen und königlichen Familien versahen, kamen aus Hessen, Böhmen und Süddeutschland. Sie alle verhalfen einer barocken Repräsentationskultur zum Glanz, in der symbolische Schaukämpfe um die größere Prachtentfaltung und Kunstfertigkeit zwischen Sachsen, Preußen und anderen Höfen oft noch das Fehlen von wirtschaftlicher Stabilität kompensieren mussten.

Dem Teppichwirker Pierre Mercier aus Aubusson wurde 1686 von Kurfürst Friedrich Wilhelm die Leitung einer neugegründeten Manufaktur am alten Packhof neben dem Schloss in Berlin übertragen. Über zehn Jahre lang arbeitete er an einer Serie von acht Tapisserien, in denen der Kurfürst seine militärischen Siege über die Schweden feiern wollte. Die eroberten Gebiete in Vorpommern hatte er im Frieden von Nijmegen wieder abgeben müssen - da wollte er sich wenigstens am Anblick der Eroberung von Stralsund und Wolgast erwärmen. Über achthundert Wandteppiche sollen bereits 1699 in den beiden Stadtschlössern von Berlin und Potsdam gehangen haben. Doch nur sehr wenige sind erhalten.

Zu den behüteten Gobelins gehört auch eine "Audienz beim Kaiser vom China" aus der Werkstatt, die Vater und Sohn Jean Barraban am Lustgarten betrieben. In den Figuren von Sphingen und Elefanten, schwarzen Hofdamen und in Federn Gekleideten, die dem Herrscher kniend ihre Referenz erweisen, verschmelzen Exotisches und Mythisches aus allen Richtungen des Himmels und der Literatur. Anders als Mercier, der nur Aufträge des Hofes annehmen durfte, konnte Barraban auch für andere Auftraggeber arbeiten. Eine Serie von Groteskendarstellungen Barrabans verbrannte 1933 im Berliner Reichstag.

Große Teile privater und musealer Sammlungen wurden im zweiten Weltkrieg zerstört. Auf diesen Umstand verweist ein halb geschmolzener Pokal von 1715, das dem Glasschneider Gottfried Spiller zugeschrieben wird. Kindliche Bacchanten umrunden das dickwandige Glas zwischen Friesen von Akanthusblättern und Weinlaub. Zwei andere Deckelpokale sind Leihgaben aus Chicago und New York: Sie waren schon einmal, 1913, Teil einer Ausstellung brandenburgischer Gläser des Kunstgewerbemuseum. Um an diese umfassende Präsentation anknüpfen zu können, musste der Museum heute weltweit mit Leihgebern zusammenarbeiten. Für Susanne Netzer, stellvertretende Direktorin des Kunstgewerbemuseums, ist die Ausstellung auch deshalb anrührend, weil sie die Konturen eines langfristigen Verlustes umschreibt.

Ob Glas, Fayence oder Tapisserien: Alle drei Materialien dokumentieren im Wechsel des Dekorums das entscheidende Datum der Königskrönung von Friedrich vor dreihundert Jahren. Das Kurszepter und der von England verliehene Hosenbandorden gehören in die Ikonographie des Kurfürsten Friedrich; als König, der dann selbst den Adlerorden stiftet, nutzt er andere Embleme. Zuvor haben diplomatische Geschenke, die mit kriegerischen Trophäen, die zum zierlichen Ornament geordnet sind, dezent auf die Preußens militärische Stärke verweisen, den Weg zur Königswürde vorbereitet und beim Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation für gut Wetter gesorgt.

So lässt sich am Dekorum zwar die Chronologie der Geschichte ablesen, doch im Vordergrund der Ausstellung im Charlottenburger Schloss steht der ästhetische Genuss der Luxusware als Ausschnitt aus einem höfischen Gesamtkunstwerk. Um Gebrauchsgegenstände oder gar einen Alltag jenseits dieser Schauseite geht es nicht. Ohne den besonderen Schutz der Künste hätten nicht einmal diese Spitzenprodukte überlebt.

Das spannende Kapitel der Produktionsbedingungen beleuchten darüber hinaus die Katalogtexte: Sie erzählen von ausgefeilten Verträge, von Renten, um die Künstler zu gewinnen, und von später geforderten Rückzahlungen, von Einfuhrverboten, Schutzzöllen und Monopolstellungen, von geschickten Geschäftsfrauen und ihren Ehen mit gesuchten Meistern, von Alchimistenprozessen und Werkstattbränden. In die Bildebene aber hat dieser aufregende Alltag von Künstlern und Unternehmern kaum Eingang gefunden. Einzige Ausnahme ist das Firmenschild der Fayence-Manufaktur von Gerhard Wolbeer von 1701, das Szenen des Verkaufs zeigt - allerdings im chinesischen Gewand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben