Herta Müller : Plötzlich Popstar

Gerrit Bartels über Herta Müller und die Last des Nobelpreises

Heute wäre ich lieber nicht Literaturnobelpreisträgerin. Vermutlich hat sich Herta Müller diesen Satz in den vergangenen Wochen des Öfteren gesagt, leise natürlich, sodass es keiner hört. Und dann hat sie vielleicht ein bisschen lauter ergänzt: Heute würde ich gern einmal in Ruhe gelassen werden. Nur lässt die frischgebackene Literaturnobelpreisträgerin im Augenblick kaum jemand in Ruhe. Man hört, dass sie gestresst und an der Grenze der Belastbarkeit sei – zumal sie und ihr Verlag schon beim Erscheinen von „Atemschaukel“ im August eine umfangreiche Lesereise durch die Republik geplant hatten, inklusive der Auftritte auf der Frankfurter Buchmesse.

Daraus resultieren Verpflichtungen, die mit dem Hinweis auf den plötzlich veränderten Status der Schriftstellerin nicht einfach hinfällig werden. Einige Termine sind zwar abgesagt worden, so zum Beispiel auch die Lesung, die morgen in Berlin im Brecht-Haus stattfinden sollte. Andere Auftritte aber absolviert sie, wie etwa im Berliner LCB vergangenen Mittwoch, da diese Lesung mit Gespräch ein Radio-Feature werden und nicht abgesagt werden konnte. Oder weil es den Veranstaltern möglich war, größere Räume zu finden. So wie in München, wo Müller letzte Woche in der Großen Aula der Ludwig-Maximilian-Universität vor fast 1000 Leuten auftrat.

Hier ließ sich gut studieren, was auf Herta Müller einprasselt, wie schwer es ihr fällt, der allerorts ihr entgegengebrachten Zuneigung gerecht zu werden. Schon drei Stunden vorher waren die ersten Müller-Fans erschienen, um letzte Karten zu ergattern – der Leiter des Münchener Literaturhauses, Reinhard Wittmann, sagte, er hätte auch einen Saal mit 2000 Plätzen füllen können. Und als eine Stunde vor der Lesung die Tür der Aula geöffnet wurde, begann der tumultartige Run auf die besten Plätze. Im Anschluss an die knapp vierzigminütige Lesung verkündete Moderator Stefan Sienerth, Direktor des Instituts für die Geschichte Südosteuropas an der LMU, dass Müller nur Bücher signieren würde und keine Fotos oder Eintrittskarten, pro Person nur eins, ohne Widmung, ohne Datum.

Allein eine Lesung wie diese und die Hinweise Sienerths zum Prozedere des Signierens zeigen, was Herta Müller inzwischen auf ihren Lesungen erlebt, was der Literaturnobelpreis ihr für eine Aura beschert, die sich in Popstardimensionen bewegt. Und natürlich gibt es nicht nur in Deutschland Begehrlichkeiten. Überall auf der Welt erscheinen jetzt Bücher von Herta Müller, und überall auf der Welt wollen Verlage, dass sie diese Bücher persönlich vorstellt und bewirbt. Da gerät schon einmal leicht in Vergessenheit, dass Müller den Literaturnobelpreis offiziell erst am 10. Dezember in Stockholm erhält (und ja auch eine Dankesrede schreiben muss, nur wann?) Und dass sie vorher in Interviews immer mal wieder gesagt hat, dass das Wichtigste in ihrem Leben das Schreiben sei, „das macht mir die Tage erträglich“.

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