Herz auf der Zunge : Bariton Barry McDaniel wird 80

In den großen Sängerlexika findet er kaum Erwähnung, und CDs existieren fast keine. Ein Versäumnis. Denn bei Barry McDaniel stimmt noch die kleinste, feinste Farbnuance.

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Barry McDaniel
Barry McDanielFoto: CINETEXT

Vor drei Jahren traf mich ein Blitz. Eine Loewe-Ballade, „Tom der Reimer“, auf LP, unglaublich, dachte ich, dieses Bronze-Timbre, dieses Funkeln in der Sprache: Wer singt denn da? Es war Barry McDaniel, den ich nur vom Namen her kannte, als Mozart- und Rossini-Bariton, in München, Frankfurt, Wien und New York, hauptsächlich aber an der Deutschen Oper Berlin. Wie kommt ein Opernsänger aus Lyndon in Kansas dazu, staunte ich, ein derart sinnliches, urmusikalisches Deutsch zu singen? Bei McDaniel stimmt noch die kleinste, feinste Farbnuance, klingen alle Konsonanten, ist jeder Text Musik und jede Musik immer auch Text. Ein Wunder.

In den großen Sängerlexika jedoch findet er kaum Erwähnung, und CDs existieren fast keine. Auf Youtube kann man ein hinreißendes Duett aus Bizets „Perlenfischern“ bewundern, McDaniel mit Alfredo Krauss, ein paar Fernsehaufnahmen gibt es auch. McDaniel hat keine große Schallplattenkarriere gemacht (Fischer-Dieskaus Schatten sei dank), und dass ausgerechnet ein US-Amerikaner den Deutschen nach dem Krieg das Lied wieder näher brachte, hat man live wohl goutiert – festhalten wollte man es aber nicht. Ein Versäumnis.

Barry McDaniel studierte an der Juilliard School in New York und kam Anfang der fünfziger Jahre mit einem Fullbright- Stipendium nach Deutschland. Liederabende bescheren ihm erste Erfolge, Engagements in Stuttgart und Karlsruhe bringen ihn 1962 dann an die Deutsche Oper, der er 37 Jahre lang die Treue hält: 1800 Vorstellungen im Spiel- und Kavalierfach, 54 Premieren, etliche Uraufführungen (von Hans Werner Henze und Aribert Reimann). Und hätten die Bayreuther Festspiele 1964 nicht schon Hermann Prey fix unter Vertrag gehabt, aus seiner Wagner-Karriere wäre gewiss mehr geworden.

Er habe nie abstrakt singen können, sagt der Amerikaner heute, ihm sei es „ganz unmodern“ immer um die totale Identifikation gegangen. Gerade seine unzähligen, in Rundfunkarchiven schlummernden Lied-Aufnahmen belegen das, zeigen eine Natürlichkeit und Emphase im Ausdruck, eine musikalische Intuition, die nichts falsch machen kann, weil sie von Herzen kommt. Heute feiert der Berliner Barry McDaniel seinen 80. Geburtstag.

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