Kultur : Herz der Bitternis

Europas Reichtum, Afrikas Armut: Reiseerinnerungen an eine ungerechte Welt

Adriaan van Dis

Im Frühling 1969 schnallte ich mir den Rucksack um und trampte nach Süden. Die Grand Tour meiner Generation: Tausende Jugendliche aus den USA und Europa zogen durch die Türkei, Syrien, Irak, Kuweit, Persien, Afghanistan, Pakistan. Wir sagten, wir suchten das Licht. In Wirklichkeit flohen wir vor unseren Pflichten. Die Grenzen der arabischen Welt waren offen, die Zeigefinger der Minarette wiesen uns den Weg. Man war überall willkommen. Wie arm die Bewohner auch waren, sie teilten Wasser, Brot und Bohnen mit uns. Sich zu weigern, hätte eine Ablehnung der Gastfreundschaft bedeutet. Und so saß man bei den Kurden im Zelt, öffneten Scheichs ihre Palasttore in Damaskus und Bagdad für den Studenten.

Bagdad, 1969. Ein Herbstabend. Während meine Freunde in Amsterdam die Universität besetzten, wurde ich Zeuge eines Ereignisses, das später zu einer Revolution führen sollte. Am Tigris, dem sandbraunen Fluss, der sich durch das Stadtzentrum windet, zog eine Pantoffelparade auf. Männer in Djellabahs, Massen von Kindern, auch verkrüppelte Menschen aller Art. Und jeder schaute gebannt auf die Fernsehgeräte, die auf der Promenade aufgestellt waren. Fünf glänzende Kästen auf eisernen Pfählen, keine Ahnung, wie sie dahin gekommen waren.

Die Fernseher zeigten merkwürdige Bilder: Amerikanische Zeichentrickfilme und Serien, Micky Maus, „Father knows best“, das sprechende Pferd. Nachrichten in Dosen. Alles in amerikanischem Englisch, unterbrochen durch Werbung: tropfende Hamburger, zischende Butter, gekachelte Badezimmer. Die Pantoffelparade vergaß zu laufen. Mit offenem Mund starrten alle auf einen unwirklichen Wohlstand, der auch ohne Untertitel für jedermann verständlich war. Wer in dieser Kiste wohnte, dessen Wünsche waren erfüllt. Hier war jedermann reich, alles glänzte. Ich dachte: Das ist die Büchse der Pandora.

Die Jungs bettelten um meine Jeans. „Ammerrrikkka“ war das Land der Versprechungen und ich die Reinkarnation des Dollars, ob ich nun von dort kam oder nicht. Irak ist arm und unterentwickelt, sagten sie. Ich war ein Gentleman, und sie waren nichts. Dass das mittelalterliche Bagdad ein Zentrum der Wissenschaft und Kultur war, dass die Wiege der Mathematik und Astronomie in der arabischen Welt stand, dass die Araber Europa mit ihrer Baukunst und Kultur bereichert hatten – alle meine Einwürfe beeindruckten sie nicht. The West was the best.

22 Jahre später sah ich auf CNN, wie im ausgebrannten Bagdad hunderte von jungen Männern Amerika als den Teufel verdammten. Sie ballten ihre Fäuste vor den Kameras, Pandoras Büchse verströmte ihre Wut über die Welt. Das war während des Golfkrieges. Und heute führen militante Muslime auf der ganzen Welt einen Heiligen Krieg gegen Amerika. Ich bin kein Rechthaber, aber man konnte es damals voraussehen.

Ich erinnere mich, wie ich im Sommer 1989 auf einem Hotelbett in Harare im Fernsehen den zairischen Präsident Mobuto Sese Seko sah, wie er mit 51 Mercedes-Limousinen einen Würdenträger vom Flughafen abholte. Im gleichen Monat, in dem er 7000 Erzieher und Lehrer entlassen hatte. Mobuto besaß Paläste in Belgien und Frankreich und sechs Milliarden Dollar auf einem Schweizer Privatkonto – eine Summe, so hoch wie das Defizit in der Staatskasse.

Ich erinnere mich an Johannesburg, 1990. „Seit wann interessiert ihr euch für unsere Gesundheit?“, fragte ein schwarzer Student. „Für nicht einmal 50 Gulden kannst du ein Kind von der Lepra heilen, und trotzdem kommen jedes Jahr 800000 neue Kranke hinzu. Und nun sorgt ihr euch wegen Aids? Weil ihr es auch bekommen könnt!“

Ich erinnere mich an Gambia, 1992. 75 Prozent der Männer des westafrikanischen Landes sind arbeitslos. Die Mehrheit der Bevölkerung sind Muslime. Die jungen Männer suchen die Strände nach Beute ab: Touristen aus dem Norden. Die Jungen tragen verschlissene T-Shirts mit der Aufschrift „Viva Saddam“. Sie wollen nach Europa und sagen, dass sie Amerika hassen. Weil der Tourismus seit dem Golfkrieg zurückgegangen ist.

Ich erinnere mich an Dakar, Senegal, Anfang 1993. Die amerikanischen Theorien der „Rassenlehre“ sind große Mode an der Universität von Dakar. Ein Dozent stellt der destruktiven, weißen Rasse materialistischer Eismenschen die intellektuell überlegene schwarze Rasse humanistischer Sonnenmenschen gegenüber. Die kühlen Europäer haben die Welt um drei Dinge bereichert: domination, destruction and deprivation – Herrschaft, Zerstörung und Entmündigung.

Ich erinnere mich, wie sich 1995 nationalistische Politiker im indischen Bangalore für die Schließung der ersten Filiale von Kentucky Fried Chicken stark machten. Das Essen sei ungesund, riefen sie – während ein paar Schritte weiter Gurkenscheiben verkauft wurden, die man gerade in einem Kanal gewaschen hatte.

Ich reise nicht mehr gerne in den Süden. Das Schicksal der Armen hat sich sichtbar verbessert, aber die Trostlosigkeit hat zugenommen. Die Armen bekommen eine immere bessere Sicht auf den Reichtum: durch Touristen, das Fernsehen und die eigene Elite. Aber eine nennenswerte Teilnahme an diesem Reichtum ist ihnen verwehrt. Und wenn man schon nicht zu dieser überlegenen Welt gehören kann, liegt es nahe, sich an eine Lehre oder einen Glauben zu heften, der einen wenigstens für höherwertig erklärt. Immer mehr gut ausgebildete junge Menschen in der so genannten Dritten Welt wenden sich vom Westen ab.

Wenn ich in meinen Reisetagebüchern von damals blättere, wird mir bewusst, wie sehr sich diese Länder verändert haben. Bettelte einen früher jeder Junge um die Sportschuhe, die Nietenhose und die Adresse an (weil er in Europa arbeiten oder studieren wollte), herrscht nun das Bewusstsein vor, dass selbst Jeans und Nikes den Zugang zum Überfluss nicht garantieren. Das Verlangen ist umgeschlagen in Neid und Groll. Ob in Indonesien, Malaysia oder Senegal: Die antiwestliche Haltung hat überall zugenommen. Auch der Islam zeigt sich unversöhnlicher – und ist in West-Afrika die am schnellsten wachsende Religion.

Dank Fernsehen und Internet mag es heute mehr Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen geben. Aber damit treten auch die Unterschiede deutlicher hervor. Viele haben das Gefühl, dass sie durch die Geschwindigkeit dieser Entwicklung von ihren lokalen Traditionen entfremdet werden. Die Religion bietet da einen Halt, meist in Form fundamentalistischer Bewegungen. Vor allem die Unter- und Mittelklassen finden im Glauben eine Art Schutzschild, um sich der herrschenden – in ihren Augen verdächtig modern erzogenen – Elite zu widersetzen. Diese Entwicklung lässt sich nicht nur in der islamischen und hinduistischen, sondern auch in der jüdischen und buddhistischen Welt beobachten. Nicht zu vergessen die Born-Again- Christians in den Vereinigten Staaten, die jedem den Höllentod wünschen, der sich nicht zu ihrem Glauben bekennt.

Aber schauen Sie doch, könnte man einwenden, wie gierig junge Menschen in der Dritten Welt westliche Konsumgüter konsumieren. Auf jedem Markt liegen die illegalen Bänder hiesiger Popstars. Wenn es den armen Ländern besser geht, verschwindet der Fanatismus wie von selbst ... Das Problem dabei: Je unerreichbarer der „Western way of life“, desto größer die Frustration, die sich dann ein Ventil sucht. Und nicht nur in den islamischen Ländern, auch in Schwarzafrika weiß man dank der neuen Kommunikationstechnologien immer genauer, was in der reichen freien Welt geschieht. Sudan, Kongo und Somalia sind die Nährböden des Terrorismus von morgen.

Was ist zu tun? Die Notwendigkeit, das westliche Überlegenheitsdenken zu zügeln, darf natürlich nicht auf den verdammten Kulturrelativismus hinauslaufen, der Ideen und Praktiken hinnimmt, die die Menschenwürde antasten, die Zwang und Gewalt beschönigen. Gleichzeitig gilt aber: Nur neun Prozent der Weltbevölkerung ist weiß, ein noch kleinerer Prozentsatz hängt den Idealen unserer westlichen Kultur an. Die Vorstellung, dass wir unsere Institutionen und Auffassungen anderen auferlegen, ist nicht realistisch. Der stets mündiger werdende Andere verlangt einen Platz in unserem Weltbild – für andere Mentalitäten, andere Religionen, andere Gefühle, andere Kriegserinnerungen, andere Ideen über Schönheit und Kultur. Es ist eine Frage des Eigeninteresses. Wir werden akzeptieren müssen, dass neue, nicht-europäische Werte alte, westliche Werte beeinflussen werden.

Wir stecken mitten in einem globalen Veränderungsprozess. So wie die Migranten sich auf ihrer Suche nach einem Platz in Europa nicht von falschen Gefühlen über die Kultur ihrer Vorfahren leiten lassen dürfen, sollte auch das europäische Denken nicht von den Mythen eines weißen, christlichen Europas getrübt sein.

Aus dem Niederländischen von Rolf Brockschmidt.

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