Kultur : Herz des Ensembles

Zum 60. Geburtstag von Carmen-Maja Antoni

Christoph Funke

Ein 60. Geburtstag will zu Carmen-Maja Antoni nicht recht passen. Mit abgeklärter Reife hat die Schauspielerin wenig zu tun. Ihr Temperament, ihre Unruhe, ihr Widerspruchsgeist strafen das Lebensalter Lügen. Sie hat sich eine fast kindliche Direktheit bewahrt, ein Selbstbewusstsein, das vorsichtiges Taktieren nicht kennt. Die Antoni sagt, was sie denkt. Sie weiß, was sie kann, verkauft sich nicht unter Wert und ist süchtig nach Arbeit. In ihren Figuren, kantig und tapfer, verquer und pfiffig, steckt immer ein Stück ihres eigenen Wesens.

Heute noch muss man den Dozenten dankbar sein, die Carmen-Maja Antoni noch vor dem Abitur die Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg bestehen ließen – als „äußert begabt“. Denn das Mädchen, das da Zugang zum schauspielerischen Beruf suchte, war sehr klein, und ein Schönheits-Ideal bediente es auch nicht. Das war für Carmen-Maja Antoni eben eine besondere Herausforderung. Wie oft mochten die Kleinen, nicht gerade strahlend Eindrucksvollen übersehen werden – sie wollte dafür sorgen, dass das nicht mehr geschah. Und es gelang ihr. Sie spielte Mädchen und Frauen, die sich durchsetzen müssen, schenkte ihnen Witz, Überlegenheit, Frechheit. Viele DEFA-Filme lebten von der Skurrilität ihrer Frauengestalten, im Fernsehen war sie die Großmutter in der Adaption von Strittmatters Romantrilogie „Der Laden“ oder die hilfreiche, listige Sekretärin der Kommissarin Rosa Roth.

Doch ihre Heimat ist das Theater. Über das Hans-Otto-Theater Potsdam, hier spielte sie 1966 die Grusche im „Kreidekreis“, und die Volksbühne kam sie 1977 ans Berliner Ensemble. Benno Besson, Fritz Marquardt, Heiner Müller gehörten zu ihren Regisseuren – im BE musste sie dennoch viele Jahre mit kleineren und mittleren Rollen zufrieden sein. 1991 verkörperte sie die Doppelfigur Shen Te/Shui Ta im „Guten Menschen von Sezuan“ draufgängerisch und fröhlich, in unzerstörbar burschikosem Selbstvertrauen. Trotz dieser mitreißenden Leistung taten sich besonders in den Übergangsjahren Anfang der Neunzigerjahre manche Regisseure schwer mit der zupackend-selbstbewussten Art der Antoni. Längst Dozentin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, gibt die Schauspielerin nicht klein bei, auch magere Jahre steht sie durch. Sie hat den längeren Atem. Seit Januar 2003 spielt sie bei Claus Peymann „Die Mutter“ in Brechts Stück nach Gorki als humorvolle Lebenserkundung. Und im Herbst wird sie endlich als „Mutter Courage“ am Berliner Ensemble zu erleben sein.

Am Mittwoch, 19.30 Uhr, steht Carmen-Maja Antoni in „Die Mutter“ im Berliner Ensemble auf der Bühne.

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