Kultur : Herz oder Krone

Salzburger Festspiele: Thomas Hengelbrock und Jürgen Flimm eröffnen den Mozart-Reigen

Christiane Tewinkel

Dem einen ist etwas eingefallen, der andere hatte Einfälle. Der eine hat kaum je Regie geführt, der andere ist ein erfahrener Profi. Weiter entfernt voneinander als Thomas Hengelbrock und Jürgen Flimm können Opernregisseure kaum sein – obwohl es nur wenige Schritte durch die Salzburger Altstadt sind, hinüber von der Universitätsaula in die steinerne Kühle der Felsenreitschule. Am Montag kam bei den Festspielen, die im Mozart-Jubeljahr das musiktheatralische Gesamtwerk des Geburtstagskinds zeigen, Thomas Hengelbrocks „Il Re Pastore“ zur Aufführung, am Dienstag Jürgen Flimms „Lucio Silla“.

Schwierig waren die Vorgaben für beide gewesen. Oder, wie Festspielintendant Peter Ruzicka nach der Flimm-Premiere sagte: „Dieses Werk ist schwer auf die Bühne zu bringen.“ Tatsächlich verraten die Opern des 19- beziehungsweise erst 16-jährigen Mozart die Nähe zur opera seria des Barock mit ihren engen Formvorgaben und der vorindividuellen Charakterzeichnung. Gleichzeitig enthalten sie jedoch Bravourstücke, denen der Zuschnitt auf individuelle Sängerpersönlichkeiten anzuhören ist: eine Mischung aus Händel und Mozart, mit Jubel- und Schattenarien, die zu reichem Vokalschmuck einladen, jener Spielart der Virtuosität, die erst im hohen 19. Jahrhundert wieder modisch werden wird.

Um es gleich zu sagen: Manchmal hätte man den Salzburger Sängern gern mit weniger Nervosität gelauscht. Roberto Saccàs Tenor hat nicht genügend Energie und Strahlkraft, um die Tyrannei eines Lucio Silla glaubhaft abzubilden. Und ob die von ihm vergebens umworbene Konkurrentenfreundin Giunia mit der französischen Sopranistin Anick Massis ideal besetzt ist? Massis fasst sich verzweifelt an den Kopf, geht einfach zur Seite, wenn ihr die Tyrannenschwester Celia (frisch: Julia Kleiter) gut zureden will. Und steht ansonsten nicht über den Koloratur-Dingen – anders als ihre hervorragenden, fein modulierenden Hosenrollenkolleginnen Monica Bacelli (Cecilio) und Veronica Cangemi (Lucio Cinna). Anders auch als der fast zu Unrecht im Hintergrund agierende Stefano Ferrari als Tyrannenberater Aufidio.

Da hat es der Abend vom Hirten als König musikalisch besser: Für „Il Re Pastore“, eine Koproduktion mit dem Musikfest Bremen und dem Beethovenfest Bonn, entschied sich Hengelbrock zwar, sehr junge Künstler zu engagieren. Ein so guter Tenor wie Andreas Karasiak (als Herrscherberater Agenore), golden, fast cremig im Ton, dürfte denn auch noch mehr Bühnenpräsenz entwickeln. Aber zugleich gibt es hier eine unbändige Freude am Singen, bei Annette Dasch als verliebter Hirt Aminta und Marlis Petersen als Elisa, seiner Angebeteten, und erst recht bei Kresimir Spicers starkem Alessandro oder Arpiné Rahdjians mitunter etwas überzogener Tamiri.

Was aber tun mit den Geschichten von Tyrannei und Liebe? Auch hier gewinnt das kleinere, unerfahrene Team – wenn auch die manirierte Gestik, das Händeflattern und Auf-einem-Bein-Stehen an Slapstick gemahnt, mitunter sogar an böse Gesangspädagogenmaßnahmen. Auf Mirella Weingartens kleiner, schwarzweißer Bühne kreieren der Ex-Geiger, Dirigent und Alte-Musik-Spezialist Thomas Hengelbrock und seine Assistentin Aniara Amos eine Melange aus zwei Fiktionen: ein zur Aula-Aura passendes Probenexperiment, das die eigene inszenatorische Unschuld schulaufführungsmäßig gleich mitinszeniert. Innen schwarzweiße Togen, außen heutige Kleider in Grün, Getupft oder Orange. Innen die historisch-pastorale Welt des Hirten oder des Tyrannenbezwingers Alessandro von Mazedonien, Schattenrisse von glücklichen Schafen oder mörderischen Schlachten. Außen, seitlich vorm niedrigen, kaum je komplett aufgezogenen Bühnenvorhang, die Gruppendynamik eines Gesellschaftsspiels: Auf großen Karten wird sichtbar, dass es um Macht (Krone!) und Liebe (Herz!) gehen wird. Oder um beides.

Mehr ist nicht. Und mehr muss vermutlich auch nicht sein, wenn die Handlung sowieso verschwurbelt ist. Und das Balthasar-Neumann-Ensemble unter Hengelbrock so fabelhaft erregt klingt wie jetzt, so stürmt in den Streichern und trocken schmettert in den Hörnern, wenn das Hammerklavier zu den Rezitativen so verträumt gespielt wird wie von Nicolau de Figureido.

Von dieser aus der Reduktion geborenen Verve dürfte sich das von Tomás Netopil übergenau ausdirigierte (und deswegen unaggressiv weich klingende) Orchester des Teatro La Fenice Venedig bei „Lucio Silla“ eine Scheibe abschneiden, auch der personenreiche und dennoch indisponierte Chor des Hauses. Wie überhaupt die 40 Meter breit aufgezogene Felsenreitschul-Bühne von Christian Bussmann trotz vielfältiger Beladenheit am Ende keine Botschaft über „Lucio Silla“ aussenden kann.

Zu sehen sind liebliche Auen, davor ein Nachbau der Fassade des Teatro Olimpico aus Vicenza, die wiederholt gedreht wird, um Gestänge und alte Plakate zu zeigen. Leere Welt hinter schönem Schein. Rechts und links Kämmerchen, in denen verschlafenes, vergessenes Leben sich zuträgt: alte Tapeten in osteuropäischen Farben. Frauen, die mechanisch die immergleichen Bewegungen vollführen. Menschen, die sitzen, Menschen, die ruhen. Kunstschnee. Und eine Reihe von jungen Statisten in Kostümen aus Grunge und Barock (Birgit Hutter), die drei Stunden lang durchs Bild laufen. Warum sie das tun, lässt sich nicht immer erkennen.

Manchmal wirkt Jürgen Flimms Inszenierung poetisch und will deswegen schon gar nicht zum Tyrannen- und Liebesschauspiel passen. Bald aber wird ein Verschiebebahnhof daraus, aus Menschen, Kleidern und Schnee. Das große Handlungsmoment des Abends bleibt die Farbe Rot: Rot sind die Briefe, die Giunia und Cecilio tauschen. Rot ist das Gewand des Silla, rot das Kleid, das Giunia anziehen wird, bevor es zur Hochzeit mit dem Tyrannen geht. Und rot sind die Handschuhe des Verbanntenfreunds Lucio Cinna: Liebeshelferhände, aber eben auch Bluthände dessen, der Silla umbringen lässt und die Herrschaft an sich reißt. Hier zieht Flimm einen herben Strich durch die Partitur, um das allzu überraschend versöhnliche Originalende zu durchkreuzen.

Da steht die Fassade längst schräg. Weil die Welt komplex ist. Jubel für die Sänger, Buh-Rufe für das Regieteam um Flimm.

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