Kultur : Herz und Hund

Alan Pauls hat mit „Die Vergangenheit“ ein virtuoses Buch über die Liebe geschrieben

Jochen Jung

Erzählt wird von Rímini und Sofía, einem zunächst sehr jungen Paar, dessen Wege durch die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der hoch geschätzte argentinische Autor Alan Pauls in seinem Roman „Die Vergangenheit“ verfolgt. Es ist sein fünfter und der erste, den wir in einer deutschen Übersetzung lesen können. Das junge Paar gehört zur hippen Szene von Buenos Aires: Er ist Übersetzer und sie mehr oder weniger ohne Job, und beide sind so innig verheiratet, zwölf Jahre schon, passen so ungemein zueinander, dass ihre Freunde sie bereits als „Weltkulturerbe“ verlachen. Die beiden beschließen also, dieser spannungslosen Harmonie ein Ende zu bereiten und sich zu trennen.

Das gelingt ihnen auch, ihm freilich – nicht zuletzt, indem er kokst, was die Nase hält – besser als ihr. Sie bringt sich daraufhin auf den verschiedensten Wegen immer wieder in Erinnerung, auch als er längst schon eine neue Frau an der Seite und im Bett hat. Allerdings wird auch diese neue Frau schon recht bald durch einen Verkehrsunfall aus dem Roman geräumt, nachdem Rímini sich ein weiteres Mal heftig verliebt hat, diesmal sogar mit Ehe und Kind. Auch das aber hält nicht ewig, was zu einem Zusammenbruch Ríminis führt, aus dem ihn nach langem Siechen ein personal trainer heraushilft.

Am Ende – man ahnt es lange im voraus – landet er wieder bei Sofía, die sich mittlerweile mit einem Club von zu sehr liebenden Frauen eine mentale Stütze gegeben hat. So weit, so gut, so mehr oder weniger handelsüblich. Mit anderen Worten: Eine derartige Inhaltsangabe sagt über dieses Buch so gut wie gar nichts.

Eher schon hilft es, wenn man zum Beispiel einen Blick auf das dritte Kapitel im dritten Teil des Romans wirft. Dieses Kapitel zeigt sich als ein sehr gelungenes Exempel für die außerordentlichen Qualitäten dieses Schriftstellers in Sachen Verknüpfung und Verkettung. Alan Pauls arrangiert hier nämlich mit weit ausholenden Hypotaxen das Ineinander der Vorkommnisse, ihre unerwarteten Auslöser und ebenso unerwarteten Ergebnisse. Durch sein Assoziationsgeschick und den eleganten Fluss der Sätze demonstriert Pauls eine endgültig nicht erwartete Folgerichtigkeit, die jedesmal Entzücken beim Leser über das Können dieses Kombinationsvirtuosen hervorruft.

So etwa auf den Seiten, auf denen Rímini, Tennislehrer geworden, sich während einer Übungsstunde seiner fünfzigjährigen Schülerin Nancy – beide wollten bislang nicht wirklich etwas voneinander wissen – nähert und eine „Mischung aus reifer Aprikose und Sonnencreme" wahrnimmt. Innerhalb weniger Sekunden gibt es eine Kettenreaktion aus einer leichten Berührung ihres Ellbogens, die bei ihm eine augenblickliche Reaktion zur Folge hat, während sie nach einer weiteren, vielleicht auch zufälligen Berührung ihrer Hüfte unerwartet mit ihrem Tennisschläger ausholt und dabei sein Gesicht trifft, sodass sich der Schmerz und die Erlösung der Erektion mischen wie zuvor der Duft der Aprikose und der Sonnencreme. Das alles passiert in wenigen Sekunden auf anderthalb Seiten. Daraufhin werden auf einer weiteren Seite Ríminis „Kamikaze-Ekstase“ und Nancys erfüllungssüchtige Leere so gekoppelt, dass auf einer dritten Seite Nancys plötzlich erwachtes Begehren und Ríminis postejakulatives Desinteresse einander als eine Art vorhersehbare Katastrophe gegenübergestellt werden am Beispiel zweier Hunde, von denen einer ungeachtet der Bereitschaft oder Nichtbereitschaft des anderen losrammelt was das Zeug hält. Traurig, aber wahr.

Nicht unähnlich ist bisweilen das Verhältnis des schriftstellerischen Könnens und des Stoffs. Wie alle Virtuosen läuft nämlich auch Alan Pauls immer wieder Gefahr, ohne Hemmungen drauflos zu fantasieren, so etwa in dem auf das eben genannte folgenden Kapitel, in dem es um einen durch den ganzen Roman geisternden Maler namens Riltse geht. Dieser wird von der Kunstwelt höchst verehrt und höchst gehandelt, als Erfinder der „Sick Art“. Riltse erstellt hier unter abstrusen Umständen, die alles, was Kunst sein will, verhöhnen sollen, ein sogenanntes Meisterwerk mit Hilfe eines das Werk penetrierenden Penisses. Was dabei „geschlechtliche Erkenntnis“ genannt wird, bleibt unerfindlich, und es hilft auch wenig, dass in diesem Buch so häufig abgespritzt wird wie in der gesamten Jahresproduktion des argentinischen und deutschsprachigen Buchmarktes zusammen nicht.

Meist übrigens auf eher trostlose Weise. Es handelt sich nämlich bei der Liebe, wie sie in diesem Roman vorkommt, fast durchweg um das Ergebnis von Begierde und nicht etwa von Sehnsucht, und ihr Ziel ist es im Höchstfall, sich oder einander „Erleichterung zu verschaffen“. Aber was heißt „einander“: Weibliche Orgasmen kommen in „Die Vergangenheit“ so gut wie nie vor.

Mit vollem Einsatz von Fantasie und Erinnerung werden Ríminis Aventiuren – und nur um sie geht es, alle anderen sind Nebenwerk – mit allen Farbnuancen gemalt, aber es fehlt dem Ganzen doch die Grundierung, die aus den vielen Episoden eines Lebens ein Leben macht und dem erzählerischen Drive eine Richtung gibt, die über das Verfolgen einer Chronologie hinaus zielt ins Herz des Lesers. Selten hat man so viel von Liebe und Sex gelesen und ist dabei doch kalten Herzens geblieben.

Das liegt vor allem am Helden dieses Buches, dessen Seelenleben Alan Pauls unentwegt auf der Spur ist – wir lesen quasi einen Ich-Roman in Er-Form. Der Autor sitzt seiner Figur unentwegt auf der Schulter und schaut ihm von dort in den Kopf, und – das ist gewiss das Hauptdilemma des Romans – weil da wirklich nicht viel drin ist, weiter am Herzen vorbei auf den jederzeit geforderten Schwanz.

So hätte man am Ende ein Buch gelesen, in dem zwar viel los ist, sich aber nichts festsetzt im Leser. Wenn nicht – ja, wenn es da nicht gegen Ende die Geschichte des Fräulein Sanz gäbe, einer Lehrerin, die auftritt wie ein spätes Mädchen. In Wahrheit aber ist sie die einzige in diesem langen Buch, die wirklich etwas von der Liebe erfahren hat. An ihr, wie könnte es anders sein, zerbricht das Herz des Lesers dann doch noch gewaltig. Allein diese Seiten sind schon Grund genug, „Die Vergangenheit“ zu lesen.

Alan Pauls: Die Vergangenheit. Roman. Aus dem Spanischen von Christian Hansen.

Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2009.

558 Seiten, 24, 90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben