Kultur : Herzensangelegenheit

Theater-Debüt in Düsseldorf: Andrzej Stasiuks „Nacht“-Stück über das neue Europa

Martin Krumbholz

Wenn ein renommierter Romancier wie der Pole Andrzej Stasiuk sich erstmals dem Theater nähert, erfindet er sich am besten gleich ein neues Genre. Eine „slawo-germanisch-medizinische Tragikfarce“, so prangt es in silbernen Lettern auf dem blutroten Programmheft. Mit der Tragik allerdings darf man es nicht so genau nehmen. Auch wenn Blut fließt, und zwar polnisches, neigt Stasiuk in seinem dramatischen Erstling zur Farce – auf dem Boden jung-europäischer Zeitenwenden: „Das Neue Europa“ nennt sich das Projekt des Düsseldorfer Schauspielhauses, in dessen Rahmen mehrere mittel- und osteuropäische Autoren einen Text zum Thema EU-Osterweiterung beisteuern.

Stasiuk, der sich in seinen Romanen und Essays oft mit europäischen Themen befasst hat, macht den Anfang mit „Nacht“, einer kleinen Geschichte über einen polnischen Gauner, der bei einem Raubüberfall von einem deutschen Geschäftsinhaber erschossen wird; später braucht der gesinnungsmässig stramme, aber herzschwache Deutsche eine neue Pumpe, und als Organspender bietet sich just jener slawische Autodieb an, den der Deutsche aus der Welt geschafft hat. Der Haken dabei ist: Der Patient will kein polnisches Herz, weil er die Slawen – darf man sagen: von Herzen? – verachtet. Ob man denn kein deutsches, schwedisches oder wenigstens französisches Herz für ihn habe? Nein, da ist nichts zu machen.

Heutzutage kommt alles aus dem Osten. „Der Osten braucht Sachen, der Westen braucht Blut“, meint Stasiuk. Einen Mercedes für ein Herz, einen Opel für eine Bauchspeicheldrüse. Das ist fair. Doch der bornierte Deutsche akzeptiert den Deal nicht. Lieber draufgehen?

Am Ende triumphiert nicht die Ideologie, sondern die praktische Vernunft. Man muss (sich) nehmen, was man kriegen kann, sonst geht man zugrunde. Was den deutschen Patienten mit dem polnischen Herzvorträger versöhnt, ist dessen „Liebe zur deutschen Motorenwelt“, und die wundersame Erscheinung des Polen am Bett des Deutschen endet sogar damit, dass beide unter einer Decke liegen.

Der Intendant des Stary Teatr Krakau, Mikolaj Grabowski, hat „Nacht“ inszeniert; die zweisprachige Aufführung, eine Koproduktion des Düsseldorfer und des Krakauer Theaters mit acht deutschen und vier polnischen Schauspielern, wird bald auch in Polen zu sehen sein. Es ist ein kurzer und amüsanter Abend. Der Autor hat die stark typisierten Figuren in geschlechtsspezifischen Chören zusammengefasst; dem entspricht der revuehafte Stil der Inszenierung, die sich auf ein paar rare Requisiten beschränkt (eine Ziegelsteinmauer, ein OP-Bett) und den Raum ansonsten offen lässt.

Überhaupt stellt die Regie sich moderat in den Dienst des witzigen, funkelnden Textes. Wunderschön gelungen ist die zweite Szene, der Dialog des toten polnischen Helden mit seiner „Seele“, einem Mädchen in weißem Trägerkleid und mit goldenem Handtäschchen, die, herausgetreten aus dem Körper ihres Herrn, sich darüber beklagt, zeitlebens schnöde ignoriert worden zu sein. Nun sehnt der Tote sich nach ihr zurück, aber es ist zu spät: Nicht die Seele hat einen bleibenden Wert, sondern nur das Herz. Während sich erstere verflüchtigt, schlüpft letzteres im Leib eines Fremden unter. Es lebe das neue Europa und sein Universal-Organ.

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