Kultur : Herzgewächse

Mahler-Zyklus: Barenboim dirigiert die Erste

Christiane Peitz

Der Horror liegt draußen vor der Tür. Der Regen rinnt in Schlieren die Fenster herab und verschleiert das Zucken der Blitze zum wild verwaschenen Nachtmahr. Daniel Barenboim malt das Unwetter des letzten Kindertotenlieds mit breitestmöglichem Pinselstrich, aber mit expressionistischer Verve. Man traut seinen Ohren kaum, welche Schrecken er mit der sagenhaft wendigen, risikofreudigen Staatskapelle in der Philharmonie zu evozieren vermag: ein wetterleuchtendes Tohuwabohu. Wobei das musikalische Gerüst nicht splittert im Sturm, es gerät vielmehr zum psychedelischen Zerrbild. Bis die Celli das Kindergrab in den Lüften mit herzerweichendem Schmelz besingen und die Musik verdämmert, entschläft.

Es sind solche Momente, die dem Auftaktkonzert des Mahlerzyklus der Lindenoper mit den „Kindertotenliedern“ und der Ersten Sinfonie schon zur Pause Publikumsovationen bescheren: Barenboims Mut zur glühenden Ekstase, zum sekundenkurzen orgiastischen Überschwang, ja, auch zum Kitsch. Und die Fähigkeit seines Orchesters, so plastisch zu gestalten, dass die Musik schier mit Händen zu greifen ist. Jubel am Ende des Abends. Vergessen, dass Thomas Quasthoff bei den „Kindertotenliedern“ – wieso eigentlich die traumatisch-bizarren Totenklagen, also das Ende am Anfang? – es zwar innigstmöglich meint, sich mit angestrengten Höhen und ungelenkem Lagenwechsel aber meist besten Absichten bescheidet. Vergessen auch, dass Barenboim mit dem amorphen Naturlaut zu Beginn der Ersten nicht viel anfangen kann. Die Erde ist weniger wüst und leer, als dass sie sich mit sich selbst zu langweilen scheint. Die Schöpfung, ein Klangteppich. Bis das alles prägende Quart-Motiv sich zu ersten Melodiesprengseln verdichtet und die Musiker dem D-Dur-Urgrund hauchzarte, duftige Gewächse einpflanzen.

Überhaupt ist Barenboim erwartungsgemäß der impulsive Sanguiniker, der Verfechter des Ländler- und Wiener-Walzer-Mahler, mit an- und abschwellender Dynamik, hochtouriger Temposchleuder, dicht gewebten Atmosphären und funkelnden, vom Blech aufgesetzten Glanzlichtern. Der Collage- und IronieKomponist, dem Barenboims FesttageKompagnon Pierre Boulez eher zugetan sein dürfte, ist Barenboims Sache nicht. Er kittet die Brüche, integriert alles Schrille. Mögen die Störmanöver auch in der Partitur stehen: Hier kommt keiner aus dem Konzept.

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