Kultur : Herzland

Happy End mit Hymnen: die Jayhawks in Berlin.

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Es dauert eine Weile, bis die Jayhawks das Publikum im ausverkauften Berliner Lido auf ihre Seite gezogen haben: Fünf Sekunden, dann sieht man nur noch verzückte Gesichter. Und dieses Glück bleibt während des gesamten 75-minütigen Auftritts und der 25-minütigen Zugaben erhalten. Nach einer wechselvollen Bandgeschichte voller Verletzungen seit 1985, nach Jahren, in denen die Jayhawks nur Kritikerlieblinge waren, hat man das Gefühl, nun einem Happy End beizuwohnen. „Mockingbird Time“, das Album zur Wiedervereinigung, ist das erfolgreichste der Bandgeschichte. Und die beiden Köpfe der Alternative-Country-Band aus Minnesota, Gary Louris und Mark Olson, haben ihren Frieden miteinander gemacht.

Nach lokalen Erfolgen in der Twin-Cities-Region von Minneapolis und St. Paul produzierte George Drakoulias die beiden Meisterwerke, an denen die Jayhawks fortan gemessen wurden: „Hollywood Town Hall“ und „Tomorrow the Green Grass“. Musik, in der sich die Weite des amerikanischen Heartlands wiederfindet. Diese Magie aus Jingle-Jangle-Gitarren, einem verstimmten Honky-Tonk- Piano und harmonischen Satzgesängen beschwören die Jayhawks im Lido. Nur kommen Louris Soli inzwischen schnell und präzise auf den Punkt, man grüßt alte Freunde im Publikum und schwätzt mit einem 13-jährigen Fan am Bühnenrand, der am Ende Louris’ Mundharmonika geschenkt bekommt. Keyboarderin Karen Grotberg erzählt vom Deutschunterricht am Goethe-Institut („Alles vergessen“), Drummer Tim O’Reagan darf – wie sein Vorbild Levon Helm von The Band – ein Stück singen.

Da stört es nicht, wenn die Einsätze mal nicht sekundengenau kommen. Das hier ist live, sehr lässig, sehr amerikanisch und jetzt schon ein Anwärter auf den Titel „Konzert des Jahres“. Lutz Göllner

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