Kultur : Herzschlag in der Mördergrube

„Kultur und Barbarei“ als Motto der Salzburger Festspiele: Robert Menasse liest dem Neoliberalismus die Leviten – und Barbara Frey lichtet Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“

Peter von becker

Als Hitze, Donner und Gewitter das sommerliche Salzburg wie so oft zum Festspielbeginn in eine tropisch voralpine Waschküche verwandeln, ist der Eröffnungs-„Jedermann“ mit der neuen Buhlschaft Nina Hoss und der Fernsehkommissarin Ulrike Folkert als erstem weiblichen Tod bereits ins Wasser gefallen – und vom schönen Domplatz ins schummrige Festspielhaus umgezogen. Moralisch den Kopf gewaschen aber bekommen Salzburg, Österreich und der Rest der Welt zur gleichen Zeit im Trockenen und über allen gesalbten und geölten oder sonstwie glänzenden Häuptern.

Der Wiener Schriftsteller Robert Menasse nämlich, der inzwischen als politisch streitbarster Geist des Landes gilt und zuletzt bei Suhrkamp den Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ veröffentlicht hat, er hält auf dem himmlischen Mönchsberg über Salzburg seine mit Spannung erwartete „Gegeneröffnungsrede“. Das geschieht am frühen Montagabend im neuen Museum der Moderne, das als weißes architektonisches Juwel über der Stadt zu schweben scheint – und wo man sich am kulturell schicksten Ort gerne kulturkritische Gedanken macht. Robert Menasse hebt denn auch an, dass die 170 Millionen Euro, die „in den wenigen Wochen des Salzburger Kulturspektakels“ zum Wohle der einheimischen Wirtschaft und zur Selbstdarstellung der gesellschaftlichen Oberklasse umgesetzt würden, exakt der Summe entsprächen, die 2005 den österreichischen Universitäten zur Erhaltung ihres Mindeststandards fehlen.

Das klingt zunächst nur nach einer etwas platten Aufrechnung: Hochkultur gegen Volksbildung, mit der leicht apokalyptischen Intonierung, „es feiert sich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite vor der geistigen Sintflut“. Irgendwann aber schafft Menasse die Wende von der kurzschlüssig bräsigen zur wirklich zündenden Polemik. Zu einer ruhig vorgetragenen, gleichwohl furiosen Abrechnung nicht nur mit den bekannten Zwängen und sozialstaatlichen Demütigungen der Globalisierung.

Der 52-jährige, heute in Wien und Amsterdam lebende Autor hält dem alt- oder neoliberalen Bürgertum vielmehr auch die nationalstaatliche Entmündigung als Bedrohung der eigenen Freiheitsrechte vor; dazu führt Menasse zahlreiche Artikel der geplanten europäischen Verfassung als Demokratie-Dumping an. Der für die Bürger kaum mehr durchschaubare, zuletzt in den Volksabstimmungen in Frankreich und Holland mit demokratischem Restinstinkt abgelehnte und trotzdem längst realitätsbestimmende Mischmasch aus nationalen Parlamenten, autoritärer EU-Kommission und legislativ machtlosen EU-Abgeordneten führe zu dem Ergebnis: „Die, die wir wählen, machen nicht die Gesetze, und die, die die Gesetze machen, haben wir nicht gewählt.“

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Die Seitenhiebe auf den Festspielbetrieb mal abgezogen, hätte diese vom Museum der Moderne bestellte Rede zum Thema „Kultur und Barbarei“ wohl auch dem neuen Salzburger Schauspieldirektor Martin Kusej gefallen. Der hat seine erste Saison, ohne die übliche offizielle Eröffnungsrede eines Künstlers oder Intellektuellen, unter das Motto „Wir, die Barbaren – Nachrichten aus der Zivilisation“ gestellt. Kusej bezieht sich dabei, jenseits aller aktuellen Terrornachrichten, auf einen frühen Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John M. Coetzee. Neben Elfriede Jelinek und Antonio Lobo Antunes sind Coetzee einige Nebenprogramme des Festivals gewidmet.

Dem Gedanken der Ambivalenz von Kultur und zivilisatorischer Entgrenzung ließe sich indes auch fast jedes Hauptprogramm der dramatischen Weltgeschichte zuschlagen. Trotzdem wirkt Kusejs diesjährige Stückewahl gut begründet: unter anderem mit den kommenden Inszenierungen von Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ (Österreichs Staatsdrama unter Kusejs Regie) und Kleists „Penthesilea“ (Männerkrieg, Frauenkrieg, Regie Stephan Kimmig). Den Anfang, mit Sozialdrama, kritischem Volksstück und zwischengeschlechtlichen Minimassakern, machte zwei Stunden nach dem alljährlichen „Jedermann“ Barbara Freys Neuinterpretation der „Geschichten aus dem Wiener Wald“.

Die Schweizer Regisseurin setzt wie bei ihrem 2004 auf dem Berliner Theatertreffen gefeierten „Onkel Vanja“ auf das wunderbare Ensemble des (koproduzierenden) Münchner Residenztheaters. Und wie damals bei Tschechow versetzt sie das sanft-energisch von innen aufgebrochene, dennoch in seiner Poesie und Historizität bewahrte Stück in ein Zwischenreich: alles heute Abend von gestern morgen, also in der gegenwärtigen Vergangenheit. Auch Ödön von Horváths Wiener Kleinbürger in der Wirtschaftskrise der frühen, vorfaschistischen 30er Jahre sind hier Wiedergänger, Untote. Sind im besten Fall so gespenstisch präsent wie die einmal mehr leichenweiße, fantastisch vitale und virtuose Sunnyi Melles. Als weinselige, sexgeile Trafikantin Valerie stakst sie so körpernackt, so seelenbloß auf hohen, nach innen geknickten Pumps durch Wiener Gassen und Auen, als sei das Drama der überreifen ehelosen Frau keine stille Tragödie, kein kreischendes Unglück – sondern ein komödiantisches Fest des unablässigen Wahnsinns.

Auch der bis auf eine Sitzbank leere Einheitsraum der Bühnenbildnerin Bettina Meyer ist ganz weiß, mit vielen Schwingtüren und schwarzen runden Löchern in der Rückwand, durch die immer wieder Köpfe und Augen der Mitspieler starren wie Voyeursgespenster. Man kann diese Bühne auch als Schiff begreifen, eine Titanic auf der Donau, uUnd in der Mitte ein großes Bullauge, durch das wir per Video in die Himmel und grünen Höllen des Wiener Walds blicken. Einmal auch wie durch eine vergrößerte Beichtstuhlöffnung in die Mundhöhle eines Priesters (Thomas Holtzmann), durch dessen übersinnliche Präsenz – Gottes Auge, Gottes Zorn – das Mädchen Marianne einen weiteren Tiefschlag erfährt.

Diese Marianne mit dem falschen Liebhaber und dem von einer teuflischen Großmutter ums arme Leben gebrachten Kind, dieses von Gott und den Männern und den wirtschaftlichen Verhältnissen mit immer neuen Schlägen niedergemetzelte Hiobsmädchen spielt Juliane Köhler ganz stolz, ganz innig, ganz bravourös konzentriert und im Vergleich zur Melles gewiss etwas konventionell. Ihr verbindliches Spiel jedoch gibt der oft flirrend fahrigen Aufführung einigen Halt. Denn Barbara Freys Inszenierung hat im (längeren) ersten Teil zwischen einiger Hektik und derb illustrativer, den Text nur verdoppelnder Überdeutlichkeit durchaus ihre Schwächen. Da hilft die mal sentimentalische, mal komische Manier eines Lambert Hamel als Mariannes Vater und Zauberpuppenkönig oder das etwas biedere, unverschlagene Temperament Michael von Aus (als Liebhaber Oskar) dem Figurenreigen noch nicht auf die Sprünge. Zudem verpuffen einige Nebenrollen, die bei Horváth (und Frey) eigentlich als wechselnd scharfe Pointen gedacht sind.

Zum Finale hin zieht die Aufführung allerdings an. Erst wurde hier tierisch getrunken, alle waren sie blau an der schönen Donau. Jetzt in der Ernüchterung gewinnt alles nochmal eine spannende Klarheit. Endlich prägt sich in seinem Triumph als Mariannes Ehemann („Du wirst meiner Liebe nicht entgehn“) nach allem Gemetzel auch der Schlachter Oskar ein: Thomas Loibl, Statur eines Boxers mit Boris-Karloff-Kopf, ist ein Barbar im Menschengarten, von brutalster Unschuld, als Liebender ein Täteropfer.

Spätestens die Hochzeit macht aus seiner Mördergrube ein Wienerherz. Und das schlägt wie tot.

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