Hessischer Kulturpreis : Beim Kreuze des Propheten

Eigentlich meinten die Hessen es gut: einen Katholiken, einen Protestanten, einen Juden und einen Moslem gemeinsam ehren, das setzt Zeichen! Doch einer wollte nicht. Christiane Peitz über die Folgen des Hessen-Skandals

Christiane Peitz

Staatsposse nennt Bundestagspräsident Norbert Lammert das Theater um den Hessischen Kulturpreis und dessen Aberkennung gegenüber Navid Kermani. „Provinzposse einer überforderten Landesregierung“, schimpft der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir. Auf die Vergabe verzichten!, rät Berlins Landesbischof Wolfgang Huber – und kommt nach der Lektüre von Kermanis umstrittenem Zeitungsartikel zu dem Schluss, „dass der Autor eine bemerkenswerte Offenheit für Aussagen der christlichen Theologie“ an den Tag legt. Hubers frisch gekürter Nachfolger Markus Dröge bedauert, dass Kermanis „ Gesprächsangebot“ nicht aufgenommen wurde. Von Fiasko und Desaster ist allenthalben die Rede.

Ein Preis für den interreligiösen Dialog: Aberwitzigerweise wird er Kermani wegen eines Textes aberkannt, in dem er sich dem christlichen Kreuz nähert, dessen Botschaft er ablehnt, dessen Bildgewalt er sich jedoch nicht entziehen kann. Ein Moslem, der angesichts eines Kreuzigungsgemäldes mit seiner eigenen Ablehnung der Kreuzestheologie hadert – eine ähnliche Transferleistung eines prominenten Christen in Bezug auf den Islam ist nicht bekannt. Deshalb ist die Entscheidung von Roland Koch, Kermani wieder auszuladen, ein Hohn. Eine Unverschämtheit gegenüber allen, die sich weigern, sich im eigenen Glauben wie in einer Wagenburg zu verschanzen. Der Preis, der von Staats wegen für eine Kultur des Respekts verliehen wird, verkehrt sich zum eindrucksvollen Gegenbeweis: dafür, wie wenig in Deutschland mit religiöser Toleranz Staat gemacht werden kann.

Eigentlich meinten die Hessen es gut: einen Katholiken, einen Protestanten, einen Juden und einen Moslem gemeinsam ehren, das setzt Zeichen! Aber der Moslem, der Islamwissenschaftler Fuat Sezgin, wollte nicht, jedenfalls nicht gemeinsam mit Salomon Korn. So weit, so traurig: Es ist das gute Recht eines Preisträgers, selbst nicht in Dialog treten zu wollen und einen Dialog-Preis abzulehnen. Als mit Navid Kermani würdiger Ersatz gefunden war, wollten der Katholik (Kardinal Lehmann) und der Protestant (Peter Steinacker) nicht mehr. Aber statt es wiederum bei der Absage der Christen zu belassen, verzichtete man lieber auf Kermani. Koch gab vor allem dem bislang als liberal geschätzten Kardinal Lehmann nach, der sich in einem Brief an den hessischen Ministerpräsidenten mit erschreckender Arroganz über den Orientalisten äußerte. In der „FAZ“ wird der Brief zitiert: Lehmann staunt, dass der 41-jährige Kermani „für sein Alter“ eine beachtliche Anzahl an Veröffentlichungen vorweisen kann, er hält ihn für „sicherlich“ intellektuell begabt und „recht“ gebildet, Kermani sei „sogar“ habilitiert. Einen Lebenswerk-Preis rechtfertige das nicht. Das ist mehr als Ressentiment zwischen den Zeilen. Es ist die unverholene Unfähigkeit, einem Moslem intellektuelle Gleichberechtigung und Autorität zuzugestehen.

Man kennt das vom Karikaturenstreit und vom „Idomeneo“-Fall in Berlin. Bloß niemanden reizen, ob Moslems oder Christen, lieber in vorauseilendem Gehorsam auf Publikationen, Aufführungen, Preisträger verzichten. Interessant ist, was jeweils Skandal machte: der Wechsel von Innen- und Außenperspektive. Die nichtmuslimischen Karikaturisten nahmen die Logik islamistischer Fundamentalisten aufs Korn. Hans Neuenfels nahm die Märtyrer-Ideologie von Mozarts „Idomeneo“-Oper beim Wort und wandte sie auf die Weltreligionen an. Kermani kritisiert die Schia (auf sie zielt zunächst sein Pornografie-Vorwurf) und die Bibel. Und ein paar Sätze später sitzt er andächtig vor Guido Renis Altargemälde. Es ist jener Wechsel der Perspektive, der Toleranz und Respekt erst möglich macht.

Dass andere Anderes glauben, geht offenbar in Ordnung, solange es beim interesselosen Nebeneinander bleibt. Aber wehe, jemand befasst sich ganz im Ernst und mit Leidenschaft mit dem Allerheiligsten der jeweils anderen Religion. Interreligiöser Dialog? Mit dem Hessen-Skandal hat er bestenfalls erst angefangen.

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