Hessischer Kulturpreis : Die Enden der Parabel

Macht, Wahrheit und der Dialog der Religionen: Lehren aus dem hessischen Staatspreis-Skandal.

Rolf Richter
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Die Liebe Gottes ist nicht exklusiv. Papst Benedikt bei seinem Besuch in Israel. -Foto: dpa

Hat der Skandal um den Hessischen Staatspreis dem interreligiösen Dialog geschadet? Der Skandal hat einem Kardinal, einem Kirchenpräsidenten und dem hessischen Ministerpräsidenten Koch geschadet. Navid Kermani hingegen hat mit seiner einfühlsamen Interpretation eines Altarbildes von Guido Reni gezeigt, auf welch hohem Niveau sich ein interreligiöser Dialog zu bewegen vermag. Es besteht also Grund zur Hoffnung, dass sich die Ereignisse der vergangenen Tage positiv auf das interreligiöse Klima im Land auswirken werden. Skandale haben auch eine integrierende Wirkung: Streitend verständigt sich ein demokratisches Gemeinwesen darüber, was noch und was nicht mehr akzeptabel ist.

Wie wir aus Platons Dialogen wissen, ist ein Dialog alles andere als ein diplomatischer Austausch von Artigkeiten oder die unverbindliche Mitteilung von Befindlichkeiten. Wer einen Dialog beginnt, will bei seinem Dialogpartner einen Lernprozess anregen – und wer sich auf einen Dialog einlässt, muss damit rechnen, dass er daraus anders herauskommt, als er hineingegangen ist.

Die Rede von einem „herrschaftsfreien Dialog“ hat das deutsche romantische Gemüt freilich in der Illusion bestärkt, dass sich ein allgemeiner Konsens entwickeln werde, wenn man nur lange genug miteinander und mithilfe bestimmter Diskursregeln rede. Es empfiehlt sich, zu einem realistischeren Verständnis von Kommunikation vorzudringen.

Michel Foucault hingegen wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass in aller menschlichen Kommunikation Macht im Spiel ist. Jeder Mensch versuche nicht nur sein eigenes Leben zu bestimmen, er versuche auch, auf die Lebensführung anderer Einfluss zu nehmen. Selbst Freundschaften lebten davon. Die Grundregel für solch freundschaftliche Einflussnahme sei allerdings die gegenseitige Verpflichtung, die Wahrheit zu suchen und zu sagen. Uns überzeugt der, der es wagt, uns seine Wahrheit zu sagen. Diesen Mut zur Wahrheit nennt Foucault Parrhesia, ein Begriff, den man mit Freimut übersetzen könnte.

Mit sensiblem Freimut hat uns Navid Kermani an seiner Wahrnehmung des christlichen Kreuzes teilnehmen lassen. Das skandalös Abstoßende der öffentlichen Ausstellung eines grausam Gefolterten bringt er nachvollziehbar zur Sprache und bestätigt damit den Apostel Paulus, der alles Verständnis dafür hatte, dass Nichtchristen die Logik des Kreuzes für skandalös hielten. Genauso nachvollziehbar ist es, dass Guido Renis Darstellung des Gekreuzigten Kermani anspricht. Renis Jesus leidet nicht, er ist bereits als der Gekreuzigte der Erhöhte. Doketisch wirkt dieser Jesus – die Fleischwerdung Gottes, das Leiden Gottes und der Tod Gottes sind in den Hintergrund getreten.

Wie spannend wäre ein interreligiöser Dialog zwischen dem deutschen Muslim Navid Kermani und dem britischen Katholiken Terry Eagleton, der sich selbst als Marxisten bezeichnet! Beide sind international angesehene Autoren, und beide haben einen ganz anderen Blick auf den Gekreuzigten. Die Kreuzigung Jesu ist für Eagleton ein politischer Mord. In einer Zeit, in der selbst Barack Obama es nicht wagt, Bilder von Gefolterten zu veröffentlichen, in einer Welt, in der die Medien das glatte Schöne bevorzugen, wird der Gekreuzigte zum Stellvertreter für die Opfer politischer, sozialer und ökonomischer Herrschaftszustände. Ein interreligiöser Dialog zwischen Künstlern und Intellektuellen könnte durchaus zu einem anregenden Vergnügen werden. Und warum sollte eine Gesellschaft den interreligiösen Dialog gänzlich den Funktionären überlassen?

Aus ihrer Pflicht zum interreligiösen Dialog dürfen die Kirchen und Religionsgemeinschaften freilich nicht entlassen werden – so unvollkommen er auch bleiben mag. Der Philosoph Richard Rorty hat kurz vor seinem Tod einen bewegenden Essay mit dem Titel „Knospen, die sich niemals öffneten“ geschrieben. Er stellt dort nicht ohne Melancholie fest: „Man kann sich ein 20. Jahrhundert vorstellen, in dem zwei Weltkriege und die große Depression vermieden, die bolschewistische Revolution zusammengebrochen und Sozialdemokraten wie Eugene Debs und Jean Jaurès in höchste Ämter gewählt worden wären – dank des Engagements der christlichen Kirchen.“ Weil aber beide, die Linke und die Kirchen, nicht kooperierten, sondern die Konfrontation suchten, hätte das 20. Jahrhundert seinen katastrophalen Verlauf genommen.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es nicht mehr der Gegensatz zwischen Christen und Sozialisten zu sein, der die gemeinsame Lösung globaler Probleme behindert, sondern der Gegensatz zwischen westlicher Moderne und der islamischen Welt. Die Fehler des 20. Jahrhunderts sollten nicht mehr wiederholt werden. Die Religionsgemeinschaften müssen zeigen, dass sie zur Konvivenz fähig sind. Selbstgefällige Rechthaberei und kindisches Beleidigtsein tragen dazu ebenso wenig bei wie eine dauernde Hermeneutik des Verdachtes.

Drei Haltungen lassen sich beim gegenwärtigen interreligiösen Dialog identifizieren: die des Exklusivismus, die des Inklusivismus und die des Pluralismus. Die Position des Exklusivismus, die etwa Papst Benedikt XVI. prominent vertritt, erhebt einen alleinigen Wahrheitsanspruch. Davon abweichende Glaubensüberzeugungen können zwar geduldet werden – gleichwohl ist man von ihrer Falschheit ganz und gar überzeugt. Die Vertreter eines Inklusivismus gehen davon aus, dass alle Religionen letztlich auf eine gemeinsame Wahrheit zurückgeführt werden können.

Interreligiöse Differenzen sind also immer schon auf ein Gemeinsames hin durchschaut. Eine negative Variante des Inklusivismus ist die Religionskritik, die immer schon weiß, dass alle Religionen nichts anderes sind als ein kollektiver Verblendungszusammenhang. Vertreter des Pluralismus erkennen die Wahrheitsansprüche der jeweiligen Glaubensgemeinschaften an, erinnern freilich daran, dass der Begriff Wahrheitsanspruch in sich widersprüchlich ist. Entweder ist eine Wahrheit evident, oder aber sie wird nur behauptet.

Klassisch wird diese Position in Lessings Ringparabel formuliert. Sie ist nach wie vor ein faszinierendes Modell für den interreligiösen Dialog. Allerdings muss man sich von der Vorstellung freimachen, als gehe es darin um einen wahren und zwei falsche Ringe. Der Ring bei „Nathan dem Weisen“ ist kein magisches Utensil. Er ist ein Symbol für die Liebe Gottes. Er kann seine Wirkung nur entfalten, wenn seine Träger „mit Zuversicht“ an diese glauben. Die Ringe zu vervielfältigen war keine Fälschung. Vielmehr liegt es in der Logik der Universalität der Liebe Gottes, dass sie nicht exklusiv ist. Die Söhne haben das nicht verstanden. Und so streiten sie bis heute um die Wahrheit, als könne sie ein Besitz sein.

Die Ringparabel Lessings ist kein Ausdruck von protestantischer Beliebigkeit oder von westlichem Relativismus. Emphatisch fordert Lessing von allen Religionen, dass sie Wahrheit und Liebe nicht willkürlich aufspalten. Ausdrücklich sind die Religionen aufgefordert, ihren je eigenen Weg zu suchen, die Liebe Gottes zum Ausdruck zu bringen. Wer aber zutiefst von der göttlichen Liebe überzeugt ist, der kann gar nicht anders, als im Andersgläubigen jemanden zu sehen, der, ebenfalls mit dem Ring göttlicher Liebe ausgestattet, diese möglicherweise reiner und klarer zum Ausdruck bringt als er selbst. Die Akteure im hessischen Staatspreis-Skandal hätten sich selbst jedenfalls viel Ärger und der Öffentlichkeit viel Aufregung ersparen können, wenn sie vorher den Rat Lessings gesucht hätten.

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität Berlin. In der Berlin University Press erschien 2008 sein Buch „Sind Religionen gefährlich?“

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