Kultur : Heuchelgetreide

Ulrich Clewing

schluckt schwer am deutschen Mythos Es kommt zugegeben nicht sehr häufig vor, dass in dieser Kolumne von dem Städtchen Erl in Tirol die Rede ist. Heute aber soll es einmal sein, denn in Erl geschehen derzeit bemerkenswerte Dinge. Seit gestern Abend sind Sänger und Sängerinnen der Accademia di Montegral (sic!) sowie das Orchester der Tiroler Festspiele unter Leitung des Dirigenten Gustav Kuhn damit beschäftigt, die vier Teile von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ hintereinander weg zu spielen. Wenn das klappt: reife Leistung, die beweist, wie aktuell doch Mythos, Genie und Wahnsinn immer noch sein können.

Nahtloser Übergang zu Bayreuth, wo am nächsten Montag die 94. Wagner-Festspiele beginnen. Zu Bayreuth ist ja traditionell eigentlich schon immer alles gesagt, bevor der erste Ton erklingt, deshalb nur als Fußnote zum oben angerissenen Thema: Die teuerste Karte für die „Tristan“-Premiere unter dem Dirigat des Japaners Eiji Oue, Regie Christoph Marthaler, kostet 2500 Euro (inklusive Übernachtung) und stellt damit eine Entwicklung dar, die Festspielsprecher Peter Emmerich „sehr genau registriert“ und natürlich wahnsinnig ärgert.

Was das alles mit der bildenden Kunst zu tun hat? Eine Menge: Mythos, Genie, Wahnsinn, Ärger und 2500 Euro machen zusammen eine prima Überleitung zur neuen Ausstellung von Jonathan Meese , die momentan in der Galerie Contemporary Fine Arts zu sehen ist (Sophienstraße 21, Di-Fr 10-13 Uhr und 14-18 Uhr, Sa 11-17 Uhr, bis 27.8.). Meese, der in diesem Frühjahr parallel zu Bernd Eichingers „Parzival“-Inszenierung an der Staatsoper in deren Magazin seine eigene Parzival-Version präsentierte, hat erklärtermaßen Affinitäten zu Wagner. Die neue Schau mit dem Titel „General Tanz – Drei Streifen für ein Halleluja“ vereint nicht nur Gemälde und kleinere Bronzen des gebürtigen Hamburgers, sie präsentiert auch den Fundus und Urgrund seiner Kunst (Arbeiten von 2500 bis 32000 Euro).

Meese, bekannt für dramatisch verquaste historische Bezüge und Querverweise, hat an Wänden und in Vitrinen das ausgebreitet, was ihn im Lauf seiner Karriere so alles geprägt hat beziehungsweise ihm irgendwie anderweitig wichtig war. Da kommt einiges zusammen: Adidas, der Schauspieler Hark Bohm mit nacktem Oberkörper, langem Haar und Lederstirnband, mit Isolierschaum besprühte Motorradhelme, Schallplatten der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft und andere, eher unaussprechliche Gegenstände finden sich hier in Sonderzahl, immerhin gilt es, so Meese, „das Meuchelgetreide hinauszuspeien, das als grünliches Baguette (Heuchelgetreide) in euch drang...“ Tja. Ja. So isser halt, der Mythos (räusper).

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