Kultur : Heuschieber

„Der Zeichner“ im Renaissance-Theater

Christine Wahl

Mit seiner Schaubühnen-Inszenierung von Yasmina Rezas „Kunst“, wo sich drei schrullige Wohlstandsneurotiker höchst unterhaltsam über einem Gemäldekauf entzweien, erwies sich der Regisseur Felix Prader schon 1995 als Meisterregisseur des Männerdramas. Die deutschsprachige Erstaufführung von Michael Healeys „Der Zeichner“ darf man jetzt durchaus in dieser Tradition sehen. Auch hier grantelt, zickt und hassliebt sich ein schauspielerisch erstklassiges Männertrio. Nur schöpft „Der Zeichner“ nicht aus den Untiefen abstrakter Gegenwartskunst, sondern aus dem Geist der kanadischen Heuschoberromantik.

Statt eines weißen Gemäldes vor blauem Sofa dominieren säuberlich gestapelte Strohballen die Bühne. Das ganze Renaissance-Theater riecht wie eine Spätsommerwiese. Und das künstlerischste Element, welches Healey seinen Szenen aus dem Landleben angedeihen lässt, ist ein tolpatschiger Jungschauspieler namens Miles. Er sucht das in einer Art unfreiwilliger Ersatzehe zusammen lebende Bauernduo Morgan und Angus in seiner Siebzigerjahre-Küche heim (Ausstattung: Werner Hutterli). Miles’ Theatergruppe plant ein dokumentarisches Farmerdrama, weshalb der Junge beim Melken und Traktorlenken hospitieren muss. Er fördert bei seinen Recherchen Vergessenes und Verdrängtes zu Tage, löst damit erst Spannungen und dann lebenslängliche Dankbarkeit im kauzigen Männerhaushalt aus und verklärt das Theater zum Allheilmittel für Wahrheitssucher jedweder Couleur.

„Der Zeichner“ ist nicht unbedingt der Stoff, aus dem die gemeine boulevardeske Tragikomödie zurechtgeschneidert wird. Das Renaissance-Theater riskiert hier etwas – und hat dafür in den drei Schauspielern die erdenklich besten Mitstreiter. Gerd Wameling verrät den gedächtnisgestörten Angus nicht einfach an den klassischen liebenswerten Trottel, sondern konturiert ihn als wachen, gewitzten, bisweilen geradezu abgründig auf der Lauer liegenden Zeitgenossen. Udo Kroschwald steuert das Modell vom äußerlich grobschlächtigen Schroffen mit dem innerlich so lieblichen Kern an allen Stereotypen vorbei in einen wunderbar trockenen Humor. Und Raphael von Bargen kann sich durchaus mit den routinierten Kollegen messen. „Kunst“ in Kanada: Wenn aber nach jeder Szene ein Musikerduo auf den Strohballen erscheint und die Schauspieler mit Folklore umfidelt, wird der geöffnete Raum wieder sehr, sehr klein.

Bis 16. Juli.

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