Kultur : Heuschrecken ohne Ende

Biljana Srbljanovic auf der Biennale Wiesbaden

Ruth Fühner

Sie ist immer noch so jung und schön, dass man nicht glauben kann, welche Abgründe sie schon ausgelotet hat. Seit Biljana Srbljanovic in ihrer „Belgrader Trilogie“ die blutigen Schrecken der Balkankriege auf der Bühne nachhallen ließ, gilt sie als Spezialistin für die schmerzhaften Verwerfungen der postjugoslawischen Gesellschaft. Sie war es auch, die Peter Handke jüngst das entscheidende Argument entgegenhielt: Die ersten Opfer jenes Milosevic, dessen Ehrenrettung der Dichter angeblich im Namen der Serben betreibe, seien nicht fremde Völker gewesen, sondern sein eigenes.

Diesseits von Serbien wurde Srbljanovic bekannt, als die Bonner Biennale 1998 ihre „Trilogie“ entdeckte. Inzwischen führt der damalige Bonner Intendant Manfred Beilharz das Festival in Wiesbaden als „Neue Stücke aus Europa“ fort – und Srbljanovics neues Stück „Heuschrecken“ machte in der Belgrader Uraufführungsinszenierung in diesem Jahr den überzeugenden Auftakt.

Einige der Protagonisten sind aber auch so jung und schön, dass man nicht glauben kann, welche Abgründe in ihnen stecken. Die eiskalte Fernsehmadonna, die verzweifelt vergnügungssüchtige Ärztin, der schicke schwule Arzt – sie sind die gegenwartswütigen Gewinner eines Friedens, der, wie immer bei Srbljanovic, keiner ist. Ein dementer Vater wird auf einer Autobahnraststätte ausgesetzt, eine Tochter piesackt ihre alte Mutter bis aufs Blut, eine Halbwüchsige korrumpiert kaltschnäuzig den eigenen Großvater mit ihren brutal-lasziven Auftritten. Dass das mehr ist als ein realistisch gemeinter Bilderbogen von der globalen Entfremdung der Generationen, wird erst langsam klar.

Wenn ein alt gewordener Dissident seine Ehrung bei einem alten Genossen einklagt, der auch in der neuen Gesellschaft die Fäden zieht, wenn auf einer glamourösen Party über Tschetnik-Bastarden gelästert wird und die Antwort auf die kindliche Frage, was das sei, ein Kommunist, lautet: „Ein Kommunist – das ist ein Nichts“, dann wird hinter der postsozialistischen Gegenwart eine Vergangenheit sichtbar, die zwar verdrängt werden mag, aber umso wirksamer ihre zerstörerische Kraft entfaltet.

Regisseur Dejan Mijac verstärkt sanft die surreal-symbolischen Züge des Stücks. Auf der Bühnenrückwand flattern riesige Schmetterlinge durch eine giftig-künstliche Natur, surren Fliegenschwärme über Mülltonnen. Am Ende, wenn der eitle Fernsehjournalist auf der Drehbühne tot zusammenbricht, schwebt seine Seele befreit über die Leinwand. Doch in Wirklichkeit ist das zarte flattrige Ding nichts anderes als eine durchsichtige Plastiktüte.

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