Kultur : Heute hier, morgen dort

Matthias Nawrat erzählt von einem modernen Paar.

Bernd Zabel

Ein ganz normales deutsches Schriftstellerleben. Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, kam 1989 ins fränkische Bamberg, studierte erst Biologie in Heidelberg und bis vor kurzem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Nun liegt sein erster, in Freiburg im Breisgau spielender Roman „Wir zwei allein“ vor.

In kurzen Abschnitten präsentiert der Icherzähler die Geschichte einer seltsamen Beziehung. In einer Kneipe lernt er Theres kennen, eine handwerklich-künstlerisch begabte junge Frau, die ihr Geld als Schuhverkäuferin verdient. Von Anfang an ist sie von einer geheimnisvollen Aura umwittert. Sie entzieht sich, taucht unvermutet wieder auf und beschäftigt den Erzähler unablässig. Immerhin reißt sie ihn aus seinem Alltag als Obst- und Gemüseausfahrer eines Großhandels, in dem er sich als abgebrochener Student eingerichtet hat.

Was in der Nacherzählung des Plots banal wirkt, lebt von einer soghaften Spannung. Der Leser wartet immerzu auf ein Umkippen, eine Entlarvung, eine Auflösung der Rätsel um Theres. Doch nichts von alledem. Der Icherzähler fährt fort, sich um Theres zu sorgen, stützt sie, hilft ihr und bewundert sie. Nawrat versteht es, das Erzähltempo mit vielen Einschüben zu verlangsamen. Immer wieder streut er Reflexionen, Traumsequenzen und Naturbeobachtungen ein. Die Fahrten zur Belieferung der ortsansässigen Gastronomie geben überdies Anlass zu pointierten Schilderungen der Landschaften von Schwarzwald und Kaiserstuhl.

Plötzlich verschwindet Theres über Monate und steht, nach halbherziger Suche, ebenso plötzlich wieder neben seinem Lieferwagen. Froh, sie zurückzuhaben, belästigt er sie nicht mit Fragen. Sie selbst macht nur vage Andeutungen zu Städten und Ländern, in denen sie gewesen ist. Dafür möchte sie nun mit ihm zusammenziehen, aufs Land, in ein gemeinsames Haus, das auch bald gefunden ist – und mit einem dritten Bewohner. Denn Theres ist schwanger zurückgekehrt.

Man richtet sich ein im „schönen Wieden“. Doch das Idyll wird nirgends biedermeiderlich. Der Roman bewahrt seine hochverdichtete Sprache: Mit lakonischer Sentimentalität und in einem konzis-konzentrierten Tonfall erinnert er passagenweise an die Prosa von Robert Walser. Bernd Zabel

Matthias Nawrat: Wir zwei allein.

Roman. Nagel &

Kimche, Zürich 2012.

192 Seiten, 17,90 €.

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