Kultur : Heute hier, morgen fort

„Wir schlucken Staub“: Anna Jill Lüpertz zieht mit ihrer Berliner Galerie durch wechselnde Räume.

Cara Wuchold
Zur Untermiete. Momentan nutzt die Galeristin für eine Schau von Christine Rusche leere Räume der Camaro Stiftung. Foto: Mike Wolff
Zur Untermiete. Momentan nutzt die Galeristin für eine Schau von Christine Rusche leere Räume der Camaro Stiftung. Foto: Mike...

„Sind Sie etwa schon die Nachmieterin?“, pfiff es Anna Jill Lüpertz kürzlich vor der C/O-Galerie entgegen. Eine Verwechselung. Die Galeristin wartete vor dem Postfuhramt nur länger auf ihren Kurierfahrer. „Für die alten Mieter war an diesem Tag Schlüsselabgabe, und der Besitzer hatte wohl mit ziemlichem Nachdruck eine Frist bis ein Uhr mittags gesetzt. Horror …“, schildert Lüpertz die Szene.

Dass Zwischennutzungen endlich sind, musste die C/O-Galerie nach langer, erfolgreicher Ausstellungsarbeit im Postfuhramt schmerzlich erfahren. Das ist auch Anna Jill Lüpertz vertraut. Seit sie vor fast zwei Jahren gemeinsam mit Sophie Weiser ihre eigene AJLart Galerie gestartet hat, sind die von ihnen genutzten Räume vor allem eines: temporär. Das Ausstellungs-Hopping von Ort zu Ort gehört zum Konzept. „Wir haben im letzten Jahr 30 Ausstellungen an 30 verschiedenen Orten eröffnet. Wir wollten besonders viel Aufmerksamkeit in ganz schneller Zeit kreieren, den großen Rambazamba, damit die Leute das mitbekommen.“ Am Anfang irrten Besucher zwar verwirrt durch die Stadt und suchten an Plätzen, an denen sie schon lange nicht mehr waren. Geschadet hat es ihnen aber nicht.

„Wir haben das Glück, gute Freunde zu haben, eine große Familie, die mit uns mitzieht.“ Die beiden Galeristinnen sind gut vernetzt. Nicht nur, aber auch familiär: Anna Jills Vater ist der Maler Markus Lüpertz, Mutter Jule Kewenig und Stiefvater Michael Werner sind Galeristen wie sie. Anna Jill Lüpertz hat in zwei großen Galerien als künstlerische Leiterin gearbeitet. Sophie Weiser konzentriert sich vor allem auf Kommunikation, war zuvor bei Werbefirmen und kam von der soziokulturellen Agentur Platoon zu AJLart. Platoon üben sich ebenfalls in der Zwischennutzung: Mit ihrer „Kunsthalle“ besetzen sie für insgesamt zwei Jahre eine Brache in der Schönhauser Allee.

Anna Jill Lüpertz und Sophie Weiser denken in kürzeren Abständen. Sie nutzen die Orte für eine Ausstellung jeweils vier bis sechs Wochen, dann ist schon wieder Schluss. Klaus Overmeyer, Landschaftsarchitekt und Mitinitiator des Forschungsprojektes urban catalyst über die Potenziale temporärer Nutzungen in Großstädten, sieht das als Tendenz: „Die Zwischennutzungen werden immer kürzer und professioneller. Andererseits gibt es den Trend, temporäre Räume zu verstetigen, indem Nutzer Raumeigentum selbst erwerben, teilweise mit Unterstützung von Stiftungen.“ Zwischennutzungen werden zum Businessmodell und sind mittlerweile ein Instrument der Stadtentwicklung. „Aber Zeiten wie in den neunziger Jahren, in denen Flächen mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen und geringer Nachfrage zur Verfügung standen, sind vorbei. Diese Kultur der Aneignung war typisch für Berlin und einmalig“, so Overmeyer.

Kunst wird gern als Vehikel genutzt, auch als Marketinginstrument für Immobilienfirmen. „Des Teufels Advokat“, sagt Sophie Weiser. „Das ist schon ein Problem: Anfangs verhandeln alle wunderbar miteinander, dann sagt jemand, ich möchte aber mein Logo hier haben, wieso stehe ich nicht überall als Gönner?“ Anna Jill Lüpertz ergänzt: „Wir sind aber keine Nebenveranstaltung. Doch es gibt nicht nur die Heuschrecken. Es gibt auch Leute, die etwas kaufen, weil sie es schön finden. Letztens meinte jemand: ’Ich weiß, dass ich hier Luxusappartements bauen kann, aber lasst uns etwas Anderes machen.’“ Das beschriebe einen dritten Weg – den des Mäzenatentums.

Seit kurzem haben sich die zwei Galeristinnen in Räumen der Camaro Stiftung in der Potsdamer Straße eingerichtet. Und zwar ein bisschen länger als üblich: Sie bleiben ein ganzes Jahr. Ein zweigeschossiger, eher kleiner Raum, der aktuell von den geometrischen Zeichnungen der Berliner Künstlerin Christine Rusche eingenommen wird. Ein Ruheort, von dem aus die Galeristinnen weiterhin Jagd auf temporäre Orte machen. Hier schmieden sie Pläne für zeitlich befristete Projekte weit über Berlin hinaus. An der Potsdamer Straße, inzwischen ein renommierter und damit teurer Kunstkiez, ist die AJLart-Galerie auf die günstigen Konditionen der Stiftung angewiesen.

„Es wird ja nicht einfacher mit den schönen Räumen in Innenstadtlage. Da muss man in den vierten Hinterhof in Neukölln ziehen, um sich die Galerie übleisten zu können“, sagt Anna Jill Lüpertz. „Das würde uns allerdings zu sehr limitieren. Deshalb machen wir aus der Not eine Tugend, suchen uns die perfekten Räume für jede Ausstellung und machen Abstriche an anderer Stelle. Wir haben sehr gefroren, wir haben viel Staub geschluckt, aber dafür hatten wir, was wir haben wollten.“ Günstige, besondere Räume für Neonarbeiten vor Graffiti- Wänden in einem stuckverzierten Abrisshaus oder Porträts in Öl und Wachs im Altbau mit Kappendecken und Säulen. Nur müssen sie eben beizeiten wieder gehen.

Bleiben werden dagegen die „Kater Holzig“-Betreiber. Sie konnten das begehrte Spreegrundstück, das sie vormals mit der „Bar 25“ bespielten, erwerben. Die AJLart-Galerie wiederum platziert hier am 24. April zum Umbau eine Lichtinstallation von Robert Montgomery. Auch auf dem Holzmarktgelände soll es befristete Nutzungen geben. Den Kreislauf aus produktiver Neuerfindung und wehmütigen Abgängen werden die ehemaligen Zwischennutzer nicht durchbrechen.

www.ajlart.com

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