Kultur : Heute ist morgen gestern

Merkwürdig und wagemutig: Die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2007

Gerrit Bartels

Es gibt den Preis der Leipziger Buchmesse erst zwei Jahre – genau wie den auf der Frankfurter Buchmesse verliehenen Deutschen Buchpreis –, und doch lässt sich schon jetzt sagen: Beide Preise sind auf dem besten Weg, sich zu etablieren, vor allem das Publikum hat sie angenommen. Da macht es nichts, dass sich die Jurys von Halbjahr zu Halbjahr übertreffen an Eigenartigkeiten und Merkwürdigkeiten in der Auswahl der Autoren und Bücher. So bewies man etwa 2006 in Frankfurt zunächst den Mut zum Etablierten, um dann mit Katharina Hacker und ihrem Roman „Die Habenichtse“ mutig die am wenigsten etablierte Autorin auszuzeichnen. Auch die Jury für den jetzt im Frühjahr zum dritten Mal vergebenen Preis der Leipziger Buchmesse will da nicht hinten anstehen mit ihrer gestern in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung veröffentlichten Nominierungsliste: Während sie bei den Sachbüchern inhaltlich den Bogen spannt von Saul Friedländers „Das Dritte Reich und die Juden“ über Günter Rühles „Theater in Deutschland 1887–1945“ bis zu Josef Haslingers Tsunamibericht „Phi Phi Island“, verbindet die Jury mit ihren fünf Nominierungen in der Belletristik den Mut zum Etablierten mit dem Mut zum Vergessenen, zum Abseitig-Literaturhistorischen.

Auf der Liste stechen mit Ingo Schulze und Wilhelm Genazino zunächst die bekanntesten Namen ins Auge. Die Wahl von Schulze und seinem Erzählband „Handy“ nährt den Verdacht, der Literaturbetrieb wolle jetzt endlich eine Schuld abtragen: Schulzes großer Wenderoman „Neue Leben“ erschien 2005 zu spät, um den Deutschen Buchpreis bekommen zu können, und er war 2006, als er in Frankfurt doch noch für den Buchpreis nominiert wurde, schon wieder zu unfrisch, ja, zu kanonisiert, als dass er wirklich hätte ausgezeichnet werden können. Jetzt gibt es für Ingo Schulze in Leipzig eine neue Chance, zumal mit einem Erzählband, was ungewöhnlich genug ist. Der 63-jährige Büchnerpreisträger Genazino dagegen wirkt mit seinem neuen Beglückungsroman „Mittelmäßiges Heimweh“ (siehe Tagesspiegel vom 6. 2.) wie der Zählkandidat, der keinen Preis mehr braucht, an dem man aber aus Gründen der literarischen Qualität nicht vorbeikann.

Wichtig ist Genazino auch, um die anderen Autoren zusätzlich aufzuwerten. Nominiert ist außerdem der 1976 in Halle verstorbene DDR-Autor Werner Bräunig mit seinem Mitte der sechziger Jahre entstandenen Nachkriegsroman „Rummelplatz“. Diese Nominierung kommt einer posthumen Ehrung und Aufwertung der jungen DDR-Literatur der Sechziger gleich. Dann ist da der 1948 geborene Wolfgang Schlüter mit „Anmut und Gnade“, einem Roman über die Pracht der Oper, das Zeitalter des Barock und das vorrevolutionäre Frankreich. Ein echter Außenseiter.

Und schließlich Antje Rávic Strubel mit ihrem neuen Roman „Kältere Schichten der Luft“. Sie wirkt auf der Liste wie eine Exotin. Nicht nur, weil sie die einzige Frau ist, sondern dazu mit ihren 33 Jahren die Jüngste im Männerbunde – Rávic Strubel repräsentiert die Jugend und erinnert daran, dass der Preis der Leipziger Buchmesse gerade der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen sollte: siehe Ilija Trojanow, der sich 2006 knapp gegen Clemens Meyer durchsetzte, siehe Terezia Mora, die 2005 Uwe Tellkamp und Eva Menasse hinter sich ließ. Die 2007er-Nominierungen sind geradezu ein Experiment im Vergleich zu den Vorjahren. Und trotzdem, so außergewöhnlich der Preis für Bräunig posthum wäre: Schulze oder Rávic Strubel machen das Rennen.

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